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Warum Hypothesen oft hilfreicher sind als schnelle Erklärungen

 Beobachten anstatt zu interpretieren

Wir Menschen sind oft viel schneller im Interpretieren als im Beobachten. Der Hund zeigt ein Verhalten und schon landet es in einer Schublade, inklusive passender Erklärung und Intervention dazu.

Sehr gerne wird dabei auch zirkulär argumentiert: Der Hund bellt den Nachbarshund an, weil er diesen nicht mag. Woran erkennst du, dass er ihn nicht mag? Weil er ihn anbellt.

Gerade wenn es um Hundeverhalten geht, sind Menschen oft schnell bereit, eine Erklärung zu finden, die in sich stimmig wirkt. Das Problem dabei ist, dass stimmig nicht automatisch auch richtig bedeutet.

Eine differenzierte Beobachtung von Verhalten mit Kontext, Auslösern, objektiver Beschreibung und den nachfolgenden Konsequenzen nennt man funktionale Verhaltensanalyse. Daraus entstehen Hypothesen. Wenn ich eine Vermutung überprüfen möchte, leite ich Vorhersagen ab: Wenn meine Hypothese stimmt, was müsste ich dann beobachten? Erst wenn sich eine Hypothese bestätigt, macht ein Trainingsplan überhaupt Sinn.

Ein kleines Beispiel aus der Praxis

Heute hatten wir in einer Junghundelektion eine einfache, aber sehr anschauliche Situation. Wir machten eine Aufgabe mit Tupperware-Schalen. Nach Blickkontakt des Hundes als Startbutton und dem Marker ging der Mensch zur nächsten Schale und legte dort Futter hinein, das der Hund nehmen durfte. Mehrere Schalen standen mit Abstand hintereinander auf dem Naturweg.

Die ersten Schalen waren kein Problem. Futter rausnehmen, fressen, weitergehen. Bei der vierten Schale verhedderte sich kurz die Leine und gleichzeitig gab es ein Kratzgeräusch der Schale auf dem Boden. Der Hund nahm die Nase schnell wieder aus der Schale und wich leicht zurück. Eine minimale Schreckreaktion, die leicht zu übersehen war.

Der Mensch bemerkte das nicht und legte bei der nächsten Schale erneut Futter hinein. Der Hund zeigte nun leichtes Meideverhalten, setzte sich hin und nahm das Futter nicht. Auch die aufmunternden Worte seines Menschen änderten nichts. Die Interpretation: „Mein Hund hat keinen Hunger mehr“ oder „Er mag die Gudis nicht.“

Da ich die kleine Schreckreaktion zuvor beobachtet hatte, bat ich den Menschen, die Schale umzudrehen, damit der Hund die Nase nicht mehr hineinsenken musste. Und siehe da: Der Hund frass sofort.

Die Vermutung, dass der Hund keinen Hunger mehr hatte, hat sich in diesem Fall nicht bestätigt. Viel eher lag die Vermutung nahe, dass das Geräusch der Schale für den Hund unangenehm oder erschreckend war.

Beobachten statt vorschnell erklären

Es ist so wichtig, dass wir nicht wild drauflos interpretieren, sondern uns im genauen Beobachten schulen. Wir müssen als Fachpersonen nicht Recht haben, sondern Verhalten beschreiben und Hypothesen bilden, die auch wieder verworfen werden dürfen.

In diesem Sinne:

«Genau hinschauen lohnt sich meistens mehr als vorschnell erklären.»

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