Skip to main content

Ein gestrandeter Wal und unser selektives Mitgefühl

Timmy und die vielen Namenlosen

Die Geschichte der Menschen mit dem Buckelwal Timmy beginnt in den Medien Anfang März dieses Jahres. Hier ein kurzer Überblick im Zeitraffer:

Timmy wird erstmals vor der Küste bei Wismar gesichtet. Schon da fällt auf, dass er ungewöhnlich küstennah unterwegs ist. Mehrfach verfängt er sich in Fischernetzen, kann aber teils befreit werden oder sich selbst lösen. Seine Odyssee dauert inzwischen über vier Wochen. In dieser Zeit wurden mehrfach Rettungsversuche gestartet. Boote versuchten, ihn mit Wellen zu bewegen. Eine Rinne wurde gegraben, damit er mit der Tide zurück ins tiefere Wasser gelangen könnte. Das gelang kurzfristig, bis er erneut strandete. Die Feuerwehr hielt seine Haut feucht. Der Wal ist erschöpft und hat kaum noch Kraftreserven.

Bevor  der Buckelwal zu  Timmy wurde

Bevor der Wal strandete, war er ein Buckelwal unter anderen Buckelwalen, ohne Namen. Er lebte wie andere Buckelwale vermutlich im Nordatlantik. Wie seine Artgenossen legte er zwischen Sommer und Winter weite Strecken zurück. Ohne Aufsehen. Und vor allem ohne grosse Rücksicht der Menschen auf den natürlichen Lebensraum von Walen und anderen Meeresbewohnern.

Nun hat dieser Buckelwal wegen seiner Notlage in der Ostsee eine enorme Medienpräsenz erreicht. Auch auf Social Media wurde seine Geschichte tausendfach geteilt und mitverfolgt. Viele Fragen tauchen auf. Umweltschützer, Tierschützer, Meeresbiologen, Verhaltensbiologen und Politiker äussern sich dazu, was die Ursachen für seine Strandung sein könnten und was nun zu tun sei.

Wann beginnt unser Mitgefühl?

Ein bisher unbekannter Buckelwal hat plötzlich einen Namen. Er berührt die Herzen, erhitzt die Gemüter und regt Diskussionen über Umweltschutz, Meeresverschmutzung und Verantwortung an.

Erst wenn ein Tier einen Namen hat, berührt es offenbar die Herzen der Menschen. Erst wenn Bilder immer wieder zeigen, dass dieser Wal leidet, dringt seine Geschichte ins Bewusstsein.

Ich wünsche Timmy natürlich, dass seine Geschichte für ihn zu dem Ende kommt, das für ihn am wenigstenLeid bedeutet. Wie dieses Ende aussieht, kann ich nicht beurteilen.

Timmy steht nicht allein

Was mich an dieser Geschichte jedoch besonders beschäftigt, ist etwas anderes: Timmy könnte stellvertretend für unzählige leidende Tiere dieser Welt stehen.

Für Tiere, deren Lebensraum durch uns Menschen so stark eingeschränkt wurde, dass sie kaum noch Überlebenschancen haben. Für Tiere, die unter Lärm, Verschmutzung, Netzen, Zäunen, Beton und Ausbeutung leiden. Und für all jene Tiere, die wir eingesperrt haben, um sie für unsere Zwecke zu nutzen.

Diese sogenannten Nutztiere sind nie frei. Sie können nirgends hin zurückkehren. Ein gestrandeter Wal ist sichtbar in Not und leidet. Er macht auf Missstände in den Weltmeeren aufmerksam.

Millionen von Schlachttieren geht es mindestens so schlecht, wenn nicht schlechter. Sie haben keine Medienpräsenz. Sie leiden abgeschottet von der Aussenwelt in Käfigen, engen Stallungen, Wurfboxen und Transportern. Viele dieser Tiere sehen nie Sonnenlicht. Sie spüren nie Erde unter ihren Pfoten, Hufen oder Zehen.

Diese Tiere haben meist keine Namen. Sie heissen nicht Timmy, Luisa oder Benno. Im besten Fall tragen sie eine Nummer.

Was wir durch Timmy sehen könnten

Wenn der Fall Timmy die Herzen berührt und ein Bewusstsein dafür weckt, dass Tiere nicht erst dann leiden, wenn wir ihnen beim Leiden oder Sterben zusehen können, dann hat seine Geschichte vielleicht bereits etwas bewegt.

Vielleicht ist Timmy am Ende mehr als ein gestrandeter Wal. Vielleicht hält er uns für einen kurzen Moment den Spiegel hin. Vielleicht sehen wir durch sein Leiden auch das Leiden anderer Tiere und Mitgeschöpfe. Vielleicht werden wir nachdenklicher und schauen auch bei anderen Tieren bewusster hin.

In diesem Sinne:

«Tierleid zu erkennen, ist der erste Schritt für eine Veränderung im Kleinen.»

 Bildquelle: Chat GPT: /Text: original Bea Koti

 

 

  • Aufrufe: 229