Milchkühe in der Fussgängerzone – melken als Kinderprogramm
Die Idylle auf dem Milch - Plakat
Vorhin wurde ich Zeugin kognitiver Dissonanz in Perfektion. Meine Hunde und ich waren auf dem Weg zum Stadttraining mit einem Kundenteam. Schon von weitem sah ich in der Fussgängerzone eine Ansammlung von Eltern mit ihren Kindern. Ein Plakat mit einer schwarz-weiss gefleckten, behornten Kuh lockte Passanten an. Auch der Werbeslogan für das Endprodukt war aus der Distanz gut lesbar. Die Kuh steht zufrieden in der Landschaft und wirbt für ihre Milch.
Was mir als Erstes auffällt: ihre Hörner! Tatsächlich ist es ihr auf dem Bild gegönnt, Hörner zu tragen. So erfahren auch die anwesenden Kinder immerhin noch, dass eine Kuh von Natur aus Hörner hat. In der Realität ist diese Rarität kaum mehr anzutreffen. Leider nicht von Natur aus, sondern weil wir es so eingerichtet haben.
Gerade habe ich kurz gegoogelt: Es handelt sich um eine Kampagne zugunsten der Milchproduzenten. Sie soll den Kauf und den Konsum von Milchprodukten fördern.
Die Kunstkuh und das nichtvorhandene Kalb
Inzwischen sind meine Hundedamen und ich beim Event angekommen. Wie lustig. Wie lehrreich.
Da steht eine behornte Kuhattrappe vor dem Milchzelt, unter ihrem Euter ein Eimer. Das Euter ist grössenmässig weit weg von den Rieseneutern vieler Hochleistungskühe. Diese Kunstkuh könnte vermutlich sogar noch normal gehen, ohne dass sie ihre Hinterbeine in einem Bogen um das Euter herumführen müsste, weil nach vorne kein Platz mehr ist.
Kinder werden instruiert, wie sie das Euter mit ihren Fingern umfassen müssen, damit Milch herauskommt. Eltern halten begeistert ihre Handys vors Gesicht, fotografieren ihre melkenden Sprösslinge und posten das Ganze auf Social Media. Eine nette Sennerin erklärt alles Wichtige rund um Milch und Melken.
Was dabei im wahrsten Sinne des Wortes totgeschwiegen wird: Damit Milch fliesst, muss zuerst ein Kalb geboren werden.
Ich frage mich, weshalb niemandem auffällt, dass es zwar eine Kunstkuh zum Melken gibt, aber kein Kunstkalb zum Streicheln.
Die kognitive Dissonanz tropft mit der Kunstmilch aus dem Euter.
Kein Säugetier produziert einfach so Milch. Weder eine Frau noch eine Kuh. Milch entsteht, weil ein Jungtier oder ein Baby geboren wurde. Das ist biologische Realität und ist bei der Kuh nicht anders.
Den Kindern wird vermittelt, dass die Kuh Hörner trägt, auf einer grünen Wiese lebt, sich genüsslich übers Maul schleckt und ganz nebenbei Milch produziert. Fast so, als käme die Mich aus dem Euter wie aus einem Wasserhahn.
Kinder hätten ein Recht darauf zu erfahren, dass die Milch im Euter eigentlich für das Kalb bestimmt ist. Kinder sind empathisch und stellen Fragen. Wenn wir ihnen jedoch eine Realität vorspielen, die mit dem tatsächlichen Leben dieser Tiere wenig zu tun hat, nehmen wir ihnen die Möglichkeit, ein eigenes, ehrliches Bewusstsein dafür zu entwickeln.
Auf diese Weise werden die Konsumenten von morgen geprägt – für eine starke Schweizer Milchwirtschaft.
Wir sind entfremdet von der Natur und den Tieren, die wir täglich nutzen
Die Kälber müssen geboren werden, damit die Euter sich füllen. Die Milch muss fliessen, damit der Franken rollt.Und wenn ein Kalb als männliches Tier geboren wird, also mit einem XY-Chromosomensatz statt mit dem wirtschaftlich lukrativeren XX, dann ist sein Weg oft schon früh vorgezeichnet: Mast, Schlachtung und Vermarktung. So lässt sich auch aus den unerwünschten XYs finanziell noch etwas rausholen.
Selbst, wenn die Kälber in der Mutterkuh- oder Ammenhaltung länger bei den Müttern bleiben dürfen, ändert sich am Grundprinzip wenig, wenn überhaupt: Das Kalb wird geboren, damit Milch entsteht. Und diese Milch beansprucht am Ende der Mensch für sich.
In diesem Sinne:
«Zwischen Plakatidylle, Kunstkuh und Realität liegen Welten.»
Bildquelle: ChatGPT; Text: Bea Koti
- Aufrufe: 851