Junghundekurse – wenn Überforderung zum Standard wird
Das fängt ja gut an ...
Samstag Morgen, die letzte Lektion des Alltagskurses für Junghunde. Frau Muster öffnet die Heckklappe. Dexter sitzt in seiner Box und kläfft, was die Lunge hergibt. Bereits bei der Wegkreuzung zum Hundeplatz hat er damit begonnen. Frau Musters Nerven liegen jetzt schon blank und sie hat den Hundeplatz noch nicht einmal betreten.
Das Signal zum Warten ignoriert Dexter gekonnt. Mit einem Riesensatz schiesst er wie ein Pfeil an Frau Muster vorbei aus der Box. Zum Glück hat er die Leine bereits dran. Es gelingt ihr, ihren jungen Hund zu stoppen, bevor er die anderen Teams, welche zeitgleich angekommen sind, aufmischen kann. Dexter kennt den Weg zum Hundeplatz und geht schon mal voraus, Frau Muster im Schlepptau hinterher.
Die Eskalationsleiter steht bereit
Auf dem Platz haben sich bereits fünf Teams eingefunden. Nun ist es endgültig vorbei mit Dexters Frusttoleranz. Er hechtet zu dem jungen Labrador, mit dem er in der letzten Lektion so toll getobt hat. Weshalb sollte das heute anders sein?
Nach einer gefühlten Ewigkeit gelingt es den Menschen, ihre Hunde wieder zu sortieren. Zum Glück, denn die restlichen fünf Teams sind nun auch auf dem Platz angekommen. Insgesamt stehen jetzt zehn Menschen mit ihren jungen Hunden auf dem Hundeplatz. Missbilligende Blicke wandern zu Frau Muster und ihrem Dexter.
Die Lektion beginnt
Nach der Begrüssung gibt die Fachperson die Inhalte der letzten Kurslektion bekannt. Abrufen aus dem Sitzen an anderen Hunden vorbei. Fusslaufen im Slalom um die Pylonen. Warten auf einem Podest, während die anderen Teams darum herumgehen. Den mitgebrachten Kauknochen auf Signal abgeben. Die Futterverlockung auf dem Boden liegen lassen. Dann folgt eine Maulkorbübung und zum Schluss die Abschlussrunde mit Entspannen auf dem Tuch.
Die Stressspirale dreht sich nach oben
Frau Muster spürt, wie ihr der Schweiss in kleinen Bächen den Rücken hinunterläuft, obwohl die Temperaturen noch winterlich sind. Wie soll sie bloss diese Stunde überstehen?
Sie erinnert sich an die Bemerkungen in der letzten Lektion. Sie müsse halt strenger sein. Ihr Hund tanze ihr auf der Nase herum und nehme sie überhaupt nicht ernst. So werde das nie etwas werden mit Dexter. Wie soll das bloss ausgehen, wenn er erwachsen ist?
Wenn Scham dazu kommt
Die grösste Beschämung war, dass sie mit Dexter den Platz verlassen musste und von aussen zuschauen sollte, wie die anderen ihre Übungen absolvierten. Wie peinlich! Dexter fand das gar nicht cool und hat sich die Seele aus dem Leib gewinselt. Sowohl Frau Muster wie auch Dexter brauchten fast drei Tage, um sich wieder zu erholen. Hoffentlich wird es in dieser letzten Lektion besser gehen.
Wir verlassen nun Frau Muster mit ihrem Dexter. Ihr könnt euch ausmalen, wie es weitergegangen ist.
Was genau ist hier passiert?
Beide, sowohl Mensch wie Hund, sind in einer Frustspirale gelandet. Das Setting mit neun anderen Teams auf engem Raum, ohne die Möglichkeit, Distanz zu schaffen, ist viel zu schwierig. Alleine schon die Anwesenheit von so vielen Hunden und Menschen ist eine grosse Herausforderung für einen jungen Hund, dessen Gehirn sich gerade im Umbau befindet. Zumal Verhalten unter Ablenkung noch gar nicht gefestigt sein kann.
Sowohl Mensch wie Hund stehen am Beginn der Ausbildung. Frau Muster als Ersthundehalterin fühlt sich unsicher und kann auf keinen Erfahrungshintergrund zurückgreifen, der ihr Halt und Orientierung geben könnte. Sie fühlt sich zunehmend unfähig und es ist ihr äusserst peinlich, dass Dexter sie so vorführt.
Dexter geht es nicht besser. All die tollen Mädels und Jungs, all die Gerüche auf der Wiese. Und all die vielen Reize soll er ausblenden. Und dann auch noch performen. Wie soll das gehen?
Zielführendes Lernen braucht einen sicheren und angepassten Rahmen
Lernen erfolgt von einfach zu schwierig. Von wenig zu mehr Ablenkung oder Intensität. Alles andere macht so keinen Sinn. Die neun anderen Teams waren auch weit weg von entspannt. Doch das ist Frau Muster in ihrem eigenen Stress gar nicht mehr aufgefallen. Am lautesten gewinstelt und gefiept hat Dexter und damit auch am meisten gestört, weil die Fachperson nicht mehr gehört wurde.
Frau Muster und ihr Hund Dexter sind in einer Situation gelandet, die mit jeder Lektion schwieriger wurde. Die Erwartung, dass an diesem Ort Aufregung stattfindet, ist von Treffen zu Treffen gewachsen, sowohl im Menschen wie auch im Hund.
Zurück bleibt das Gefühl, versagt zu haben
Vielleicht wird Frau Muster danach für eine lange Zeit keine Hundeschule mehr besuchen. Vielleicht sind innere Muster aktiviert worden wie: Ich bin unfähig. Alle schauen zu. Ich schäme mich. Das werde ich nie schaffen. Die Situationen auf dem Hundeplatz haben Scham aktiviert und das Gefühl, versagt zu haben.
Bleibt zu wünschen, dass Frau Muster eine andere, korrigierende Erfahrung macht und ein Setting kennenlernt, das sowohl für einen jungen Hund wie Dexter als auch für sie passend ist.
In diesem Sinne:
«Überforderung ist kein Trainingskonzept, das nachhaltig Erfolg verspricht, im Gegenteil.»
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