Skip to main content

Zwischen Kränkung und Expertise - der tägliche Spagat der Fachperson

Wenn die Waage zur Kränkung wird

Die Eingangstüre schlägt mit einem lauten Knall hinter Herr Muster und seinem Hund zu. Nie wieder werde er einen Fuss in diese Tierarztpraxis setzen. Ein dicker kleiner Hund schaut irritiert zu ihm hoch. Was fällt denen ein. Rudi auf die Waage zu stellen. Sein Gewicht zu kontrollieren. Von Diät war auch die Rede.

Entrüstet streichelt er Rudi über den speckigen Rücken und hebt ihn mit einer gewissen Anstrengung in seine Autohundebox. Als kleiner Trost steckt er ihm stellvertretend ein Stück Wurst durch die Gitterstäbe. Während er ins Auto steigt, murmelt er vor sich hin, empfehlen werde er diese Praxis sicher niemandem. Zu Hause schreibe er als erstes eine Beschwerdemail und einen Beitrag auf Social Media.

So oder ähnlich passieren Situationen in Tierarztpraxen. Ich selbst bin auch schon in diese Falle getappt, als ich Frau Muster auf das beachtliche Untergewicht ihres Hundes angesprochen habe. Sie fand, ihr Hund sei normalgewichtig und was mir eigentlich einfalle. Sie wollte ihr Geld zurück und war nie mehr gesehen.

Identifikation trifft auf Selbstbild

In beiden Situationen identifiziert sich der Mensch stark mit seinem Tier. Die fachliche Information wird auf einer sehr persönlichen Ebene verarbeitet. Die objektiv messbare Feststellung zum Körpergewicht wird als Beleidigung und persönlicher Angriff gewertet.

Für Herr und Frau Muster ist ihr Hund nicht nur Lebensbegleiter, sondern Teil ihres Selbstbildes. Die Aussage zum Gewicht bedeutet unbewusst: Ich habe versagt. Ich kann nicht richtig für meinen Hund sorgen. Ich habe etwas falsch gemacht.

Erschwerend kommt hinzu, wenn der Mensch selbst ein ähnliches Thema mit sich trägt. Körpergewicht ist ein heisses Eisen. Sehr schnell entsteht Scham, wenn der Hund zu dick oder zu dünn ist.

Anthropomorphisierung als zweite Ebene

Eine weitere Ebene in der Triage Hundehalter-Tier-Fachperson ist die Anthropomorphisierung. Sie ist subtiler, aber nicht minder wirksam. Wir Menschen schreiben unseren Tieren menschliche Eigenschaften und Gefühle zu.

Das ist zunächst nichts Negatives. Es ermöglicht Bindung. Wir fühlen mit unseren Haustieren, wir pflegen sie, wir betrauern ihren Tod. Wir versetzen uns emotional in ihre Lage. Dass wir diese Form der Anthropomorphisierung nicht auf sogenannte Nutztiere übertragen, halte ich ethisch für fragwürdig. Das gehört jedoch in einen eigenen Beitrag.

In den erwähnten Beispielen könnte Anthropomorphisierung so aussehen, dass Herr und Frau Muster das Gefühl haben, ihre Hunde seien blossgestellt, kritisiert oder ungerecht behandelt worden.

Ein Hund erlebt eine Waage nicht als Demütigung. Vielleicht als Unsicherheit, da ein ungewohnten Untergrund oder fremde Gerüche. Aber sicher nicht als moralische Kränkung. Ihm ist es egal, was auf der Digitalanzeige erscheint. Entscheidend ist, ob die Situation für ihn angenehm oder zumindest gut bewältigbar ist.

Das Wurststück im Auto ist emotional für Herrn Muster bedeutsam. Der Trost ist für ihn, der Genuss für den Hund.

Zwischen Fachlichkeit und Emotion

Spannend und zugleich herausfordernd ist, dass Tierarztpraxen zunehmend mit dieser übermässigen Identifikation konfrontiert werden. Tiere werden oft wie Kinder behandelt. Jeder Behandlungs- oder Therapievorschlag wird kritisch hinterfragt oder grundsätzlich in Frage gestellt.

Schwierig finde ich auch, dass soziale Medien einerseits zur Informationssuche dienen, andererseits aber genutzt werden, um Fachpersonen öffentlich zu diffamieren, wenn sich ein Tierhalter persönlich gekränkt fühlt. Anstatt das klärende Gespräch zu suchen.

Wenn fachliche Information als moralischer Angriff erlebt wird, wird eine Zusammenarbeit schwierig. Genau hier liegt eine zentrale Herausforderung für Fachpersonen. Mit Fachkompetenz allein kommt man heute oft nicht mehr durch den Arbeitsalltag.

Kommunikative Kompetenz, Selbstregulation und Weiterbildungen in Aggressions- und Deeskalationsmanagement machen Sinn, um mit der zunehmend fordernden und teilweise aggressiven Haltung mancher Menschen im Zusammenhang mit ihrem Haustier professionell umgehen zu können.


In diesem Sinne:

«Fachliche Rückmeldung ist Fürsorge fürs Tier und kein Angriff auf den Menschen.»

  • Aufrufe: 433