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Selbstbewusstsein in der Hundeerziehung - ein kritischer Blick

«Du musst einfach selbstbewusster sein, dann nimmt dich dein Hund ernst.»

Hast du diesen Satz auch schon gehört? Vielleicht in einem anderen Kontext. Oft als Verallgemeinerung: Wenn du selbstbewusst bist, nimmt man dich ernst.

Was wir landläufig unter Selbstbewusstsein verstehen

Welches Bild entsteht in deiner Vorstellung, wenn du an einen selbstbewussten Menschen denkst? Vermutlich nicht als erstes ein Kind. Sondern eher eine erwachsene Person, die in einem bestimmten Bereich erfolgreich ist, einen Status innehat, sicher auftritt.

Gibt man den Begriff Selbstbewusstsein in eine Suchmaschine ein, tauchen schnell Begriffe auf wie Selbstsicherheit, Durchsetzungsfähigkeit, Dominanz. Gemeint ist oft eine Person, die klar spricht, sich durchsetzt, Blickkontakt hält, sich nicht verunsichern lässt. Entsprechend gibt es unzählige Seminare zur Persönlichkeitsentwicklung, die versprechen, genau das zu vermitteln.

Zusammengefasst meint Selbstbewusstsein landläufig vor allem sichtbares Verhalten. Etwas, das Eindruck macht und gesellschaftlich als positive Eigenschaft gewertet wird.

Laut sein ist nicht gleich selbstbewusst

Bist du selbstbewusst, wenn du deinem Hund den Tarif durchgibst, den Chef oder die Chefin markierst, dich durchsetzt und stimmlich lauter wirst? Vermutlich nicht.

Unter Selbstbewusstsein verstehe ich etwas anderes. Die bewusste Beziehung zu mir selbst. Sich seiner selbst bewusst sein.

Und damit zurück zum Kind

Ein Kind ist dem Selbstbewusstsein oft viel näher als ein Erwachsener. Nicht, weil es stark oder durchsetzungsfähig wäre, sondern weil es authentisch ist. Ein selbstbewusstes Kind kann um Hilfe bitten, Nein sagen, sich trösten lassen, eigene Gefühle benennen oder einfach ruhig bei sich bleiben.

Dieses natürliche Selbstbewusstsein wird im Verlauf der Sozialisierung häufig geschwächt. Kinder werden korrigiert, beschämt, in der Öffentlichkeit blossgestellt. Sie werden verglichen mit anderen, die angeblich etwas besser können oder braver sind. Hinzu kommen überhöhte Erwartungen des Umfeldes oder Lob, das sich ausschliesslich auf Leistung bezieht, nicht auf Sein.

All das ist sehr limitierend für die Entwicklung eines gesunden Selbstbewusstseins.

Wenn Selbstbewusstsein von Anerkennung abhängt

Was daraus entsteht, ist ein verunsicherter junger Mensch, der lernt, den Erwartungen im Aussen zu entsprechen. Das Selbstbild wird zunehmend über äussere Werte aufgebaut, die verinnerlicht werden. Anerkennung wird an Leistung geknüpft. Selbstbewusstsein hängt davon ab, ob im Aussen Bestätigung erfolgt.

Damit sind wir weit entfernt vom ursprünglichen Verständnis von sich seiner selbst bewusst sein. Vielleicht sind wir auch deshalb zu einer Gesellschaft geworden, in der Selbstbewusstsein mit Ego, Durchsetzung und Narzissmus verwechselt wird. Je egoistischer, desto selbstbewusster oder umgekehrt.

Selbstbewusstsein in der Hundeerziehung

Diese Logik findet sich auch in der Hundeerziehung wieder. Sei selbstbewusst, dann bist du der Rudelführer. Egal, wie weit du von dir selbst entfernt bist. Egal, wie wenig bewusst dir deine eigenen Stärken und Schwächen sind.

Was uns ebenfalls anerzogen wurde, sind Schuldgefühle. Sich für alles und jeden verantwortlich fühlen. Zeigt der Hund unerwünschtes Verhalten, bin ich schuld. Also muss es sofort weg. Denn im Umkehrschluss bedeutet das, ich bin nicht selbstbewusst genug, um meinen Hund zu erziehen.

Dabei hat Selbstbewusstsein erstaunlich wenig mit Fähigkeit oder Kontrolle zu tun.

Was Selbstbewusstsein definiert

Selbstbewusstsein hat viele Facetten.
Selbstwahrnehmung: Ich spüre mich.
Selbstakzeptanz: Ich darf so sein.
Selbstwirksamkeit: Ich kann Einfluss nehmen.
Selbstregulation: Ich halte innere Zustände aus und steuere sie.
Selbstpositionierung: Ich weiss, wofür ich stehe.

Beziehung statt Optimierung

Je länger ich mich mit Mensch-Hund-Beziehungen befasse, desto weiter entferne ich mich vom Gedanken, Hunde erziehen zu müssen. Die klassische Hundeschule, in der der Mensch befiehlt und der Hund gehorcht, ist aus meiner Sicht ein Auslaufmodell.

Was stattdessen zuerst gelernt werden darf, ist etwas anderes: wie es sich anfühlt, authentisch zu sein. Die eigenen Gefühle wahrzunehmen, zu reflektieren und sich einzugestehen. Schamgefühle und Versagensängste nach und nach hinter sich zu lassen.

Dem Hund als Mensch zu begegnen, ohne den Anspruch an sich selbst und an den Hund, perfekt sein zu müssen. Den Mut zu entwickeln, die eigenen blinden Flecken zu erkennen und sie Schritt für Schritt durch neue Erkenntnisse zu ersetzen.

All das ist nur möglich, wenn wir unsere Selbstbewusstseins-Maske fallen lassen und uns eingestehen, dass weder Mensch noch Hund ein Optimierungsprojekt sind, sondern Beziehung.

In diesem Sinne:

«Selbstbewusst-Sein ist keine Selbstoptimierungsprojekt, sondern eine lebenslange Aufgabe.»

 

 

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