Wenn der Welpe zum Erfolgsprojekt werden soll
Ich muss zum Thema Welpenauslastung einfach nochmals schreiben:
Wenn Welpen schon in der ersten Lebenswoche zu Projekten erklärt werden, bevor sie überhaupt angekommen sind, läuft etwas gründlich schief.
Lernen im Alltagsleben
Kaum sind die Welpen in ihrem noch jungen Leben angekommen, werden bereits grosse Pläne geschmiedet. Der zukünftige Welpe soll später die Dummyarbeit lieben, als Therapiehund Menschen glücklich machen, den Agility-Parcours fliegend überwinden, im Begleithundesport mindestens 98 Punkte erreichen und nebenbei noch der coolste Familienhund der Welt sein, der allen nur Freude bereitet.
Auf Züchterseiten steht, dass Welpen nur an Menschen mit sportlichen Ambitionen abgegeben werden, schliesslich sind die Welpen zu Höherem berufen. Die Züchter reden über Pokale und Siegertreppchen der Elterntiere. Es werden hohe Erwartungen an die neuen Welpenbesitzer gesetzt, damit sie das Potential des Sprösslings unbedingt erkennen und früh fördern.
Die Saat wird früh gelegt
Bei den Welpenbesuchen wird der Samen mit der immergleichen Frage tief gesät: Was werdet ihr mit eurem Welpen arbeiten?
Während die Welpen tollpatschig durch die Gegend toben, werden Erfolgspläne geschmiedet. Der dazu passende Welpe ausgesucht. Keine Schlaftablette soll es sein, sondern der neugierigste und lebhafteste im Wurf. Sonst wird das nichts mit der Dummykarriere.
Der Trainingsmarathon beginnt am ersten Tag nach Einzug
Bereits am ersten Tag nach dem Einzug im neuen Daheim wird das Warten am Futternapf trainiert, Sitz und Platz verlangt, Befehle eingeübt, Leinentraining auf dem Gassigang.
Da der Welpe gemäss Züchter nur wenige Minuten pro Lebensmonat laufen darf, kommt man kaum vom Haus weg. Leinenlaufen auf dem Bürgersteig. Super, da haben wir die Verkehrsgewöhnung gleich auch mit dabei.
Beim wöchentlichen Welpentreff werden Fortschritte akribisch abgefragt: Bahnhof und Restaurantbesuch absolviert? Wildpark bereits besucht? Alle Haushaltsgeräte getestet? Rückrufsignal wie gefordert konditioniert? Wer will da schon hintenanstehen mit seinem Welpen. Kein Erfolg ohne Erregung, Pfotenschweiss und Hecheln. Schliesslich gehört man zu den Auserwählten, die so ein Prachtexemplar mit nach Hause nehmen durften.
Permanent im Funktionsmodus
Um ja nichts zu verpassen, wird jeder Spaziergang gespickt mit Abruf- und Warteübungen. Dauernd soll der Welpe etwas tun. Den Menschen auf Kommando anschauen. An der kurzen Leine neben dem Menschen gehen.
Sicher denkst du jetzt, dass ich übertreibe. Und dass ich sehr zynisch veranlagt bin. Ja, ein bisschen hast du Recht. Mit Betonung auf bisschen.
Was ich sehe, macht mich betroffen
Welpen, die nicht mehr zur Ruhe kommen. Die ihre Menschen blutig beissen. Deren erster Vorname Übererregung ist. Weshalb? Weil diese ganze Herumerzieherei am Welpen einfach eine Katastrophe ist.
Der Mensch selbst noch nicht perfekt im Timing und im Handling, verlangt vom Welpen mehr, als er selbst leisten kann. Am Ende des Tages sind alle frustriert.
Die Alternative ist so viel einfacher
Mit dem Welpen in die Natur gehen, ihn erkunden lassen, seine sensomotorischen Fähigkeiten fördern, indem du ihm das Leben zutraust. Kleine Ausflüge in die belebte Umwelt, angepasst an die Möglichkeiten des Welpen und des Menschen.
Die Bindung stärken, indem du dich mit ihm freust, neugierig bist, offen bleibst für das kleine Wesen, das gerade bei dir ankommt. Und ihn nicht andauernd fernsteuerst.
Dein Welpe zeigt von sich aus so viele wunderbare Verhaltensweisen: neben dir gehen, sich hinsetzen, zu dir rennen, in Ruhe einen Fussgänger beobachten, einen anderen Hund ansehen, dem Reh nachschauen, den wegfliegenden Vögeln auf dem Feld folgen, das Papiertaschentuch links liegen lassen. Achte darauf, was er dir anbietet, und feiere ihn dafür.
Lernen im Alltagsleben
Welpenschulen sind künstliche Lernfelder, in denen Sitz, Platz, Fuss, Hier und Aus im Zentrum stehen. Der Welpe geht in die Schule, der Mensch ist der Lehrer, der sich auskennt. Wie anmassend!
Ich jedenfalls würde ausrasten, wenn ständig jemand etwas von mir verlangt. Und genau das tut dein Welpe gerade auch. Er kann seinen Frust und seine Überforderung ja nicht in Worte fassen.
In diesem Sinne:
«Anstatt dauernd etwas von deinem Welpen zu verlangen, nimm dankend an, was er dir bietet.»
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