Sprechen auf Knopfdruck – der (Un-)Sinn von Sprachbuttons
Sprachbuttons für die Kommunikation Hund-Mensch und Mensch-Mensch
Die untenstehende Aussage habe ich einer Kursausschreibung für Fachpersonen in der Tiergestützten Arbeit entnommen. Im Kurs geht es darum, Interessierten zu vermitteln, wie sogenannte Sprachbuttons in der Kommunikation mit Hunden (anderen Tieren?) eingesetzt werden können, damit der Mensch den Hund besser versteht und der Hund sich ausdrücken kann.
«Beeinträchtigten Kindern und Hunden wird eine neue Möglichkeit der Kommunikation aufgetan.» (Zitat Ausschreibung).
Durch das Drücken dieser Sprachbuttons kann das Kind und soll der Hund mitteilen, was gerade sein Bedürfnis ist. So weit, so gut. Was mich sehr irritiert, ist die Aussage, dass Kinder mit einer Einschränkung in der Ausdrucksfähigkeit in einem Satz mit Hunden erwähnt, respektive gleichgestellt werden. Kinder mit Hunden zu vergleichen, hinkt, sowohl auf zwei Füssen wie auch auf vier Pfoten. Und zudem noch ein Kind mit einer Einschränkung, das finde ich einfach unethisch und völlig an der Sache vorbei. Das heisst ja im Umkehrschluss, dass sich Kinder mit einer Einschränkung mit Hunden auf ein und derselben kommunikativen Ebene befinden. Wie kann das sein, da es sich um zwei völlig unterschiedliche Spezies handelt?
Das Ausdrucksverhalten des Hundes ist äusserst differenziert
Wer sich mit der hündischen Kommunikation und Interaktion tatsächlich und tiefer befasst, kommt nicht um das Standardwerk «Ausdrucksverhalten beim Hund»; Dr. Dorit Urd Feddersen-Petersen; herum. Hoffe ich zumindest. Das komplexe Werk umfasst beinahe 500 Seiten und ist vermutlich eines der ausführlichsten wissenschaftlichen Bücher, die bisher über Ausdrucksverhalten beim Hund geschrieben wurden.
Wer sich dafür interessiert und bereit ist, sich Schritt für Schritt tiefer in das Ausdrucksverhalten der Hunde einzuarbeiten, dem sei dieses Standardwerk wärmstens ans Herz gelegt. Ich befasse mich schon lange mit Hunden und nehme das Buch immer wieder zur Hand, um etwas nachzuschlagen oder eine Beobachtung nachzulesen. Nirgends im Buch wird das Verhaltensrepertoire eines Hundes sowie dessen kognitive und kommunikative Fähigkeiten mit dem eines Kindes verglichen oder in Zusammenhang gebracht.
Ein Sprachbutton als Spielerei für den Menschen und eine operante Konditionierung für den Hund
Diese Sprachbuttons können aus meiner Sicht eine Spielerei sein, ein unsinniges Tool mehr, um den Hund zu beschäftigen. Ein Button kann mit einer Handlung und einer Emotion verknüpft respektive konditioniert werden: Drückt der Hund auf den grünen Button, folgt eine Futterbelohnung, der Hund freut sich. Das wiederholt man so oft, bis der Hund den Zusammenhang verstanden hat. Dann kommt der zweite blaue Button dazu: Drückt der Hund auf den blauen Button, folgt ein Zerrspiel mit einem Objekt.
Das Ding mit dem Button ist nichts Neues
Das kennt man schon seit langem aus dem Differenzierungslernen an und mit Objekten. Spielt der Hund gerne, wird er vermutlich öfter den blauen anstatt den grünen Button drücken. Ist ihm Essen wichtiger, kommt der blaue Button öfters dran. Wenn ich meinen Hund und seine Vorlieben für ein Zerrspiel kenne, verknüpfe ich den blauen Button mit der Frage: «Möchtest du spielen?», kurz bevor der Hund den blauen Button drückt. Steht er eher auf eine Futterbelohnung, kommt zuerst die Frage: «Möchtest du ein Gudi». Et voilà!
Diese Buttons sind also nichts mehr und nichts weniger als eine Konditionierung: Button verknüpft mit einem Signal (einer Frage), die für ein Bedürfnis des Hundes steht, das danach befriedigt wird, also eine Handlung als Konsequenz folgt.
In Videos ist zu sehen, wie der Mensch Buttons in vielen bunten Farben im Wohnzimmer aufstellt. Der Hund tapst von Button zu Button und der Mensch stellt konditionierte Fragen. Was hat das bitte mit hündischer Kommunikation zu tun? Das ist einfach der 1001. Trick mehr, den ein Hund beherrschen muss, um es auf Youtube oder ins Fernsehen zu schaffen.
Wieso um alles in der Welt muss ein Tier unsere Sprache sprechen?
Das aus meiner Sicht sehr perfide sprachliche zwischenartliche Experiment ist dasjenige mit dem berühmt gewordene Gorillaweibchen «KoKo» (1971-2018). KoKo konnte über die vielen Jahre Training mit der Psychologin Penny Patterson hinweg mehr als tausend Worte in Gebärdensprache abrufen. Was für ein armseliges Dasein für einen Gorilla, sich das Leben mit einer menschlichen Bezugsperson zu teilen und Gebärdensprache zu erlernen. Damit sie am Schluss ihres Lebens drei bis sechs Wortsätze in Gebärdensprache beherrschte, ihre Fähigkeiten in diversen Fachzeitschriften publiziert wurden und nie eine eigene Familie in Freiheit hat gründen können. Für wen hat sich das gelohnt? Du kannst dir die Antwort selbst geben.
Sinnvoller ist, seinen Hund lesen und verstehen zu lernen
Würde der Mensch sich viel mehr Wissen über das sehr differenzierte Ausdrucksverhalten des Hundes aneignen, hätte er – also der Mensch – diese Buttons nicht nötig. Der Hund braucht sie mit Sicherheit nicht. Der Mensch nimmt sich als Massstab für eine zwischenartliche Kommunikation und die Tiere sollen gefälligst unsere Sprache lernen, damit wir sie verstehen.
Anstatt den Hund immer menschenähnlicher machen zu wollen, gilt es, sich vertieft mit der Kommunikation der Hunde auseinanderzusetzen. Der Hund ist uns wolkenkratzerhoch überlegen, was Mimik, Körpersprache und nonverbale Kommunikation angeht. Sie sind so differenziert und so fein und abgestimmt in der innerartlichen Kommunikation, dass der ungeschulte Mensch einen Bruchteil davon mitbekommt. Umgekehrt bekommt der Hund körpersprachlich, mimisch und stimmungsmässig von seinem Menschen alles mit. Soviel zu: Wer lernt von wem?
Höre bitte auf, den Hund so dumm zu machen, ihn mit tausend Tricks und Übungen zu beschäftigen, unter dem Deckmantel, den Hund auszulasten. Nimm deine Verantwortung für eine andere Spezies wahr und lerne deren Sprache zu verstehen! Ich verspreche dir, dein Hund profitiert um ein Vielfaches mehr davon, als mittels gedrückten Sprachbuttons zu kommunizieren.
«Kommunikation ist artspezifisch und das soll und darf auch so bleiben.»
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