Mein Hund ist blind – was ihr braucht, damit euer Alltag zufrieden und entspannt ist
Dieser Beitrag soll ein Wegweiser und ein Mutmacher sein, falls du dein Leben mit einem Hund mit einer Sehbeeinträchtigung teilst.
Du hast einen blinden Hund oder einen Hund mit einer Sehbeeinträchtigung?
Du möchtest eine fachliche Beratung oder eine fachliche Begleitung?
Euer gemeinsamer Alltag darf noch entspannter sein?
Als Ergotherapeutin ist meine Kernkompetenz nach Lösungen zu suchen, die handlungsbasiert, im Alltag durchführbar und den Bedürfnissen angepasst sind. Das gilt auch für meine Arbeit mit Mensch-Hund-Teams.
Wenn dein Hund erblindet, stellt das erst mal seine und deine Welt ganz schön auf den Kopf!
Vor allem, wenn der Verlust der Sehkraft nicht langsam geschieht, sondern quasi über Nacht oder innert weniger Tage bis Wochen. Unsicherheit bis hin zu Ängsten treten auf. Dein Hund und du müsst euch auf eine gänzlich andere Lebenssituation einstellen.
Wenn dein Hund im Verlauf seines Alterungsprozesses immer weniger sieht oder sein Sehvermögen durch eine fortschreitende Erkrankung abnimmt, haben sowohl dein Hund wie auch du die Möglichkeit, euch darauf vorzubereiten. Dein Hund lernt, sich mehr auf seine anderen Sinne zu verlassen. Du als seine Bezugsperson lernst, euren Alltag so zu adaptieren, dass ihr beide trotz Einschränkung ein zufriedenes und erfülltes, gemeinsames Leben führen könnt.
Früherkennung ist das A und O
Ganz wichtig ist, dass du den Verlust der Sehkraft bei deinem Hund rechtzeitig erkennst. Das ist manchmal gar nicht so einfach, wenn die Veränderungen schleichend sind. Auch schmerzhafte Prozesse lassen sich nicht immer sofort erkennen. Weiter unten findest du eine Zusammenstellung.
Das Allerwichtigste ist, dass dein Hund sich bald wieder als selbstwirksam erlebt und sein Sicherheitsgefühl sich im Alltag wieder einstellt.
Im Folgenden stelle ich dir drei Hunde vor, die auf unterschiedliche Weise in der Sehkraft eingeschränkt sind:
Beispiel 1: der Junghund mit der Patex-Nase
Sehr eindrücklich habe ich den Junghund in Erinnerung, den ich mit 16 Wochen zum ersten Mal gesehen habe. Gleich in der ersten Lektion fiel mir auf, dass er draussen permanent mit der Nase am Boden klebte und auch auf Ansprache kaum mit einer Orientierungsreaktion in Richtung Mensch antwortete. Wenn er nicht in Bewegung war, wendete er zwar den Kopf hin zur Stimmquelle, ohne jedoch seinen Blick auf den Menschen oder gar auf dessen Gesicht zu fokussieren. Er hat nie aktiv Blickkontakt gesucht. Weiter fiel mir auf, dass er in der Nähe seines Menschen auf dessen Rufen zwar zurückkam, jedoch am Menschen vorbeilief und suchend in die Gegend schaute. Auch den aufgestellten Trinknapf mit Futter darin suchte er nicht visuell, sondern über die Nase, obwohl dieser nur ein paar Meter weiter sichtbar auf dem Weg stand. In der Welpengruppe stand er meist am Rand, wie mir seine Menschen berichteten. Er wurde auch öfters überrannt und lief nicht direkt zu seinem Menschen. In der Wohnung rannte er in Möbel oder in die Türrahmen und in geschlossene Türen hinein. So viele offensichtliche Hinweise, dass mit dem Welpen etwas nicht stimmte! Er wurde als tollpatschig beschrieben, als jagdlich sehr motiviert, weil er seine Nase so exzessive einsetzte und nicht gut ansprechbar war. Ich bestand darauf, eine Abklärung in einer Tierklinik zu machen. Es wurde eine genetische Augenerkrankung festgestellt, die sogenannte «crd-PRA/crd-Progressive Netzhautatrophie», welche bereits im Welpenalter zwischen der 5. und 10. Woche beginnt.
Beispiel 2: der Welpe, dessen Einschränkung bekannt war
Bei einem anderen Fall übernahm die Besitzerin bewusst einen Welpen, dessen Sehkraft aufgrund einer Missbildung im Sehnerv bereits sehr eingeschränkt war. Da sie sich der Thematik von Beginn an bewusst war, kontaktierte sie mich bereits im Vorfeld, um den Alltag und das Leben mit ihrem fast blinden Welpen möglichst optimal zu planen und zu gestalten.
Der Sicherheitsaspekt steht immer an erster Stelle. Die Wohnung muss so eingerichtet sein, dass sich der Welpe frei bewegen kann. Wie bei jedem anderen Welpen auch, empfehle ich, zu Beginn nur einen begrenzten Teil der Wohnung zugänglich zu machen, um ihm dann schrittweise mehr Raum zum Erkunden zu geben. Bei einem blinden Welpen ist es wichtig, mit ihm zu Beginn, also in den ersten Tagen, seine Aufenthaltszimmer mehrmals abzugehen und ihm viel Zeit zum Erkunden zu lassen. Im Vorfeld sollte man die Möbel so stellen, dass sie für die nächste Zeit nicht umgestellt werden müssen. Futter- und Trinknäpfe sollten immer an derselben Stelle stehen. Auch das Hundebettchen sollte man an einem Ort neben dem Bett des Menschen platzieren, wo es für die kommenden Monate bleibt. So entsteht im Welpen eine innere Landkarte der Wohnung, welche ihm Sicherheit und Orientierung gibt. An dieser Stelle verweise ich wieder auf die Auflistung von Massnahmen weiter unten. Dieser Welpe hat sich zu einem aufgestellten, neugierigen und erkundungsfreudigen Junghund entwickelt, der im Alltag mittlerweile gut mit seiner Einschränkung klarkommt.
Beispiel 3: der Tierschutzhund mit dem schmerzhaften chronischen Augeninfekt
Beim dritten Hund handelt es sich um eine Hündin aus dem Tierschutz, welche aufgrund eines Infektes eine permanente Augenentzündung mit erhöhtem Augendruck und folglich immer wieder starken Schmerzen hatte. Auch mit Medikamenten stellte sich keine Besserung ein. Der Fachtierarzt für Augenheilkunde hatte empfohlen, das Auge zu entfernen und die Augenhöhle zuzunähen. Eine Augenprothese kam nicht in Frage. Diese ist immer mit Risiken verbunden, weil es hinter dem Fremdkörper wieder Infektionen geben kann.
Die Hündin gewöhnte sich nach einer Phase der Unsicherheit sehr gut an ihre halbseitige Blindheit und ist heute eine fröhliche und lebensfrohe Hündin. Es gilt, einige Vorsichtsmassnahmen zu beachten, zum Beispiel anzukünden, wenn auf der eingeschränkten Seite ein Objekt steht, oder ein Hund oder ein Mensch sich von hinten nähern. Auch ist sie etwas schreckhafter als vorher, weil sie die Bewegungen im betroffenen Gesichtsfeld später wahrnimmt.
Das Wellnessprogramm steht ganz oben auf der Wohlfühlliste
Bei Hunden mit einer Sehbeeinträchtigung, vor allem wenn sie einseitig ist, empfehle ich immer, regelmässig in die Physiotherapie oder in die Osteopathie zu gehen, um Muskulatur und Bindegewebe wieder zu lockern und zu entspannen. Zudem gibt es dem Hund ein sehr gutes Körpergefühl, was für ihn sehr wichtig ist. An dieser Stelle ein Aufruf an alle HundefriseurInnen: Lasst auf alle Fälle die Vibrissen stehen! Sie schützen vor Verletzungen der Augen, weil sie den Hund rechtzeitig warnen, wenn ein Hindernis in der Nähe ist (https://atn-akademie.com/magazin/tasthaare-beim-hund/). Und das bitte auch beim gesunden Hund! Vorhandene Vibrissen verhindern Augenverletzungen zu einem grossen Teil.
Einen Handicap-Hund an seiner Seite zu haben, ist eine grosse Bereicherung, auch wenn es zu Beginn fast unmöglich erscheint, den Alltag gemeinsam zufriedenstellend zu gestalten.
Es folgen Zusammenstellungen zu wichtigen Themen und weitere Infos, ohne Anspruch auf Vollständigkeit:
Mögliche Ursachen für die Erblindung:
1 Von Geburt an blind
2 Genetische Erkrankungen der Augen:
- Progressive Retinaatrophie (PRA/crd-PRA)
- SARDS: Hunde erblinden innert Tagen bis Wochen, schmerzfreie Autoimmunerkrankung
- Goniodysplasie mit steigendem Kammerdruck, äusserst schmerzhaft. Der Abfluss der Tränenflüssigkeit ist eingeschränkt. Da gibt es verschiedene Schwergrade
3 Erworbene Erkrankungen der Augen:
- Katarakt (grauer Star), Eintrübung der Linse
- Glaukom (grüner Star), zu hoher Augendruck oder Durchblutungsstörung. Dadurch sterben Nervenfasern ab
- Bindehautentzündung chronisch und oder nicht behandelt, sehr schmerzhaft, wie Sand in den Augen
4 Verletzungen der Augen: sehr schmerzhaft
- Durch Fremdkörper wie Äste, Steine
- Kratzer beim Spielen
- Vergiftungen, welche zur Erblindung führen
- Chemikalien
5 Infektionen:
- Canines Herpesvirus
- Staube
- Leishmaniose
- Hornhaut- und Bindehautentzündung
Im Weiteren gibt es noch andere Erbkrankheiten und diverse systemische Erkrankungen, welche die Muskulatur, die Nerven, den Stoffwechsel sowie die Durchblutung der Augen betreffen. Das würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen.
Woran erkenne ich am Verhalten, ob mein Hund erblindet oder erblindet ist?
- Zeigt Unsicherheiten im Alltag, bellt öfters
- Sucht keinen Blickkontakt (mehr)
- Kein Appetit (stressbedingt)
- Wirkt desorientiert, steht in der Wohnung und hat keinen Plan, wohin er gehen soll
- Bewegt sich kaum noch in der Wohnung
- Läuft gegen Gegenstände, in geschlossene Türen oder andere Hindernisse
- Reibt sich den Kopf an Wänden, auf dem Boden oder mit den Pfoten (wenn Schmerzen dazu kommen)
- Erschreckt sich bei der Annäherung von Menschen oder Hunden
- Erhöhte Schreckhaftigkeit allgemein
- Stolpert über Hindernisse am Boden
- Ist unsicher auf Treppen, verfehlt Stufen, stolpert
- Reagiert erst sehr spät, wenn ihm jemand oder etwas auf dem Spaziergang entgegenkommt
- Rennt beim Rückruf an dir vorbei, bleibt stehen und lauscht
Woran erkenne ich am Verhalten, ob mein Welpe blind ist?
- Sucht keinen Blickkontakt, schaut suchend in den Raum oder in die Gegend
- Rennt oder läuft in geschlossene Türen, Möbel oder Gegenstände
- Stolpert draussen über Bodenunebenheiten
- Hat die Nase draussen vor allem auf dem Boden, um sich zu orientieren
- Erschreckt sich bei überraschendem Hundekontakt
- Sucht fast ausschliesslich mit der Nase und nicht mit den Augen
- Zeigt Unsicherheiten, die nicht der Situation entsprechen
Gestaltung Innenraum und Aussenbereich:
Stell dir vor, du bist blind: Schliesse die Augen und gehe durch die Wohnung. Wo stösst du an? Was ist schwierig? Wo sind die Gehwege frei? Wo fühlst du dich sicher und weshalb? Was verunsichert dich und weshalb?
- Innenräume: so gestalten, dass dein Hund sich nicht verletzen kann; nichts umstellen, keine Gegenstände in den Laufwegen des Hundes stellen; Türen offen lassen; Treppenstufen Anfang und Ende oder alle Stufen taktil hervorheben; Essbereich und Schlafbereich bleiben immer am selben Ort
- Aussenbereich: Hier gilt dasselbe wie für den Innenraum; zudem: Teiche absperren; Pflanzen, wo sich der Hund an den Augen verletzen kann zurückschneiden oder umpflanzen; Treppenabgänge sichern; im Eingangsbereich eine Geruchsmarkierung machen; Garten einzäunen
- Stadt/Dorf: Gehsteige und sonstige Erhebungen ankündigen; Hindernisse gemeinsam umgehen; am Rande gehen und nicht mitten auf dem Gehsteig, das gibt Sicherheit; Menschenmengen am Rande passieren; entgegenkommende Fahrräder ankündigen etc.
Bei allem, was ihr zusammen macht: Dein Hund ist der Massstab, ob die Situation noch okay ist. Sobald dein Hund Stress- oder Konfliktsignale zeigt, verlasse die Situation und nutze eure Tools zur Entspannung.
Worauf du im Umgang besonders achtest, welche Hilfsmittel es gibt und was deinem Hund und dir Sicherheit vermittelt:
- Jede Handlung an deinem Hund ankündigen! Auch beim Tierarzt! Ist im Prinzip selbstverständlich, wird aber oft vergessen.
- Ein kleines Glöckchen, das der Mensch an sich trägt, damit der Hund immer weiss, wo sein Mensch ist.
- Hörzeichen, taktile und olfaktorische Signale, die deinem Hund Informationen über die Umgebung geben. Sehr toll, wenn du mit deinem Hund auch vor seine Erblindung über Hör- und Sichtzeichen kommuniziert hast.
- Eine Schleppleine je nachdem, wie sicher dein Hund sich draussen fühlt und wie gut ihr Hörzeichen aufgebaut habt.
- Ein Brustgeschirr, falls du deinen Hund von etwas abhalten musst, um ihn zu schützen; sowieso, wenn er an der längeren Leine geht.
- Auch eine sogenannte Flexleine kann in diesem Fall dienlich sein. Der leichte Zug gibt dem Hund Orientierung.
- Ein gelbes Dreieckstuch, das gegen aussen signalisiert, dass dein Hund eine Sehbehinderung hat.
- Eine Schutzbrille, damit dein Hund in Gebieten, wo es viele Sträucher oder tiefe Äste gibt, sich nicht verletzt, weil der Lidschlussreflex nicht funktioniert. Und auch als Schutz gegen Wind oder Sonneneinstrahlung.
- Eine Augenklappe, um das empfindliche Auge zu schützen.
- Ein Distanzhalterreifen, um den Hund vor Zusammenstössen zu bewahren.
- Entspannungstools und Signale aufbauen, die deinen Hund in bestimmten Situationen unterstützen können.
Die vorhandenen Sinne fördern:
- Gehörsinn
- Tastsinn
- Geruchssinn
In Beschäftigungsaufgaben einbauen
- Schnüffelspiele im Haus, da gibt es viele tolle Beispiele im Internet
- Gemeinsam Hindernisse überwinden, die du ankündigst
- Sensorisches Enrichment drinnen und draussen
- Geruchsidentifizierung
- Mantrailing an einem für den Hund sicheren Ort
- Fährtenarbeit auf einer Wiese (Wald geht nicht wegen den Bäumen)
- Gegenstandssuche in der gewohnten Umgebung
- Apportieren: Futterdummy oder ähnlich mit einem Piepser befüllen, der auf Signal vom Menschen ausgelöst werden kann und so dem Hund den Weg weist. Die Piepser gibt es zum Beispiel als Schlüsselsucher
- Klingelball, der gerollt wird
- …
Und zum Schluss:
Du hast einen blinden Hund oder einen Hund mit einer Sehbeeinträchtigung?
Du möchtest eine fachliche Beratung oder eine fachliche Begleitung?
Eure gemeinsamer Alltag darf noch entspannter sein?
Ich freue mich, dich und deinen Hund zu unterstützen.
«Was zu Beginn als grosse Einschränkung erlebt wird, kann sich in so viel Reichtum verwandeln.»
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