Stress lässt sich nie mit noch mehr Stress bewältigen
Wenn dein Tag so richtig doof beginnt ...
Heute ist echt nicht dein Tag. Zuerst versteckt sich dein Autoschlüssel, dann kommt auch noch ein wichtiger Anruf, wie du gerade zur Haustüre raus möchtest. Und um die Sache abzurunden, sind alle Parkplätze am Ausgangspunkt zu eurem Spaziergang besetzt. Dein Nervenkostüm kommt ins Flattern und deine innere Ruhe ist gerade im Pausenmodus gelandet.
Und jetzt?
Nun hast du zwei Möglichkeiten: a) Du startest in diesem Stressmodus den Spaziergang mit deinem Hund und hoffst, dass es besser kommt, oder b) Du bleibst noch einen Moment im Auto sitzen und gönnst dir eine kurze Verschnaufpause, bis sich dein Sympathikus wieder auf ein akzeptables Level herunterreguliert hat.
Hunde haben auch oft Stress
Stell dir vor, wie oft Hunde stressigen Situationen ausgesetzt sind, ohne dass sie sich danach eine kleine Auszeit nehmen können. Und wenn sie es dennoch versuchen, indem sie zum Beispiel ausgiebig schnüffeln, um sich wieder zu einzumitten, werden sie nicht selten einfach an der Leine weitergezogen. Der Grund, weshalb viele Hunde mit einem beachtlichen Grundstresslevel unterwegs sind, hat meiner Meinung nach damit zu tun, dass ihr Leben sehr fremdbestimmt, fremdreguliert und durchgetaktet ist. Der Mensch regelt nach bestem Wissen und Gewissen so manche Situation für den Hund, ohne sich der aktuellen Befindlichkeit sowie den momentanen Bedürfnissen seines Vierbeiners bewusst zu sein.
Ein Beispiel für einen gestressten Nachmittag aus Hundesicht
Nehmen wir ein hündisches Beispiel, das der eingangs beschriebenen Situation aus Hundesicht sehr nahekommt: Dein Hund hat sich gerade zu einem Mittagsschläfchen in sein Bett zurückgezogen.
Kaum hat er es sich bequem gemacht, wird er von dir aufgefordert, seinen Platz zu verlassen, um an der geplanten Hundestunde teilzunehmen. Also vom Bett ins Auto und vom Auto auf den Hundeplatz.
Dort warten bereits acht andere Hunde gespannt an der Leine und richten ihren Blick auf dich und deinen Hund. Zwei Hunde hängen sich in die Leine und bekräftigen lautstark ihren Anspruch auf das Territorium. Dein Hund bekommt kalte Pfoten und möchte am liebsten nichts als weg. Geht nicht, schliesslich fängt die Lektion gleich an. Die ersten drei Übungen gehen sozusagen in die Hose, respektive ins Fell, weil dein Hund vor lauter Aufregung nicht denken kann. Die restliche Zeit ist dein Hund damit beschäftigt, neben deinen Anweisungen auf all die Signale der anderen Hundekumpels zu achten, die wie Pingpongbälle über den Hundeplatz fliegen.
Der Sympathikus deines Hundes ist deinem sehr ähnlich
Das Nervensystem deines Hundes reagiert auf Stress genau wie deines. Es schüttet Stresshormone aus und dein Hund versucht, sich so gut wie möglich durch die Situation zu bringen. Auf dem Hundeplatz gibt es nicht viele Möglichkeiten, sein Nervensystem wieder zu beruhigen.
Was tut dein Hund, wenn ihn die Gruppensituation belastet?
Einige Hunde beginnen mit einer ausgiebigen Schnüffelrunde am Boden; andere hängen sich kläffend in die Leine, wieder andere fiepen was das Zeugs hält, und einige Hunde machen sich unsichtbar, indem sie sich hinter ihrem Menschen verstecken. Dann gibt es die ganz Schlauen, welche beim Anblick so vieler anderer Hunde gleich den Rückwärtsgang einlegen. Und natürlich sind da auch noch die supersouveränen, welche auf jede Anweisung auf dem Hundeplatz sofort und prompt reagieren. Ob es ihnen dabei wohl ist, sei dahingestellt.
Nach dieser Hundeschulerfahrung geht ihr beide mit einem unguten Gefühl und stressgeflutet nach Hause.
Hocherregte Hunde bereits vor Lektionsbeginn
Möglicherweise ist diese Situationsbeschreibung etwas übertrieben. Und doch beobachte ich etliche Hundegruppen im Alltag, welche sich zu einer Hundelektion unter Anleitung versammelt haben. Die Hunde werden bereits mit hoher Erregung aus dem Auto geladen und schon beginnt die «Herumkommandiererei» des Menschen.
Ehrlich Leute: «Nützt es nicht, schadet es aber mit Sicherheit eurer Beziehung!». Ich kann nicht nachvollziehen, weshalb man seinen Hund einem solchen Stress freiwillig und mutwillig aussetzt und zudem davon ausgeht, dass Mensch und Hund eine sinnvolle Lernerfahrung machen.
Du kannst weggehen, dein Hund nicht
Wenn du das nächste Mal so richtig unter Stress kommst, beobachte dein Verhalten und nimm deine Emotionen wahr. Ich bin sicher, du bist meilenweit von einem Glücksgefühl mit Serotoninausschüttung entfernt. Der einzige Unterschied zu deinem Hund: Du kannst die Situation verlassen, während dein Hund darin stecken bleibt.
«Die Antwort auf Stress ist in jedem Fall Entspannung und Entschleunigung, auch für deinen Hund.»
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