Bindung oder Beziehung oder beides?
Gleich zu Beginn sei gesagt: Bindung ohne Beziehung geht nicht. Beziehung ohne Bindung jedoch schon.
Wir alle haben unterschiedliche Beziehungen
Beziehungen kann ein Lebewesen zu unterschiedlichen Beziehungspartnern pflegen. Eine Beziehung kann auch eher funktionaler Natur sein, wie zum Beispiel die Beziehung zu einem Nachbarn oder einem Berufskollegen.
Vom Hund aus betrachtet, kann dieser Beziehungen eingehen zur Leiterin im Hundehort, der Hundetrainerin, der Nachbarin oder anderen Menschen, mit denen er regelmässig oder sporadisch zu tun hat.
Was unterscheidet Bindung von Beziehung
Bindung hingegen ist eine sehr spezielle Form von Beziehung. Bindung setzt zwar Beziehung voraus, geht jedoch viel tiefer und ist viel exklusiver und intensiver als Beziehung.
Bindung beinhaltet, dass der Bindungspartner in hohem Mass emotional verfügbar ist, berechenbar und einschätzbar für das Gegenüber, einen sehr freundlichen und liebevollen Umgang pflegt, seine eigenen Emotionen im Griff hat, zuverlässig ist und in seinem Verhalten kongruent. Der Bindungspartner sorgt dafür, dass es seinem Bindungspartner emotional, körperlich und seelisch gut geht. Verlässliche Bindungspartner, auch als Fürsorgegaranten bezeichnet, kann man nur wenige haben.
Ein verlässlicher Bindungspartner zu sein, setzt einiges voraus
Möchte der Mensch ein verlässlicher Bindungspartner für seinen Hund sein und nicht in einer oberflächlichen, funktionalen Beziehung mit seinem Vierbeiner leben, setzt das einiges an Authentizität und der Bereitschaft voraus, sich nicht nur mit dem Kopf, sondern mit dem ganzen Herzen und dem ganzen Sein auf das Gegenüber einzulassen.
«Heute so und morgen so»-Verhalten macht eine sichere Bindung schwierig
Eine sichere Bindung bedeutet, dass der Hund sich vollumfänglich auf seinen Bindungspartner einlassen und verlassen kann, weil er ihm vertraut und sich aufgehoben und beschützt fühlt. Wenn der Mensch seinen Hund heute für ein Verhalten lobt und am nächsten Tag dasselbe Verhalten störend findet, weil es gerade nicht in das Setting passt, ist das für den Hund äusserst verwirrlich.
Emotionale Instabilität verhindert das Entstehen einer sicheren Bindung
Auch ständig wechselnde Emotionen beim Bindungspartner Mensch, im Sinne einer emotionalen Labilität oder Instabilität, sind sehr verunsichernd für ein Gegenüber. Heute himmelhochjauchzende und morgen sehr betrübte Menschen sind für Hunde schwierig emotional zu handeln.
Zuwendung für Leistung schafft auch keine sichere Bindung
Ein Hund merkt sehr wohl, ob er um seiner selbst Willen geliebt wird oder ob er nur Beziehungspunkte sammeln kann, wenn er aus Menschensicht etwas Tolles geleistet hat. Ich rede hier explizit nicht von «Bindungs-Punkten», denn diese muss der Hund sich nicht verdienen. Die stehen ihm einfach zu, weil er als liebenswertes und in sich vollkommenes Wesen auf diesem Planeten ist. Unabhängig von all den kleinen Marotten und Unzulänglichkeiten, die uns allen eigen sind.
Bewertungen sind Bindungskiller par excellence
Die Hunde werden so sehr danach bewertet, was sie leisten, wie sie ausschauen und wie gut erzogen sie sind. Wie oft habe ich an Hundesport-Prüfungen erlebt, dass die Besitzer ihren Hund nach einer aus Wettkampfsicht ungenügenden Leistung mit Ablehnung und Ignorieren bestraft haben.
Bindung über Entzug von Ressourcen herbeiführen funktioniert leider auch nicht
Oder ich denke an diejenigen Hunde, denen das Essen zu Hause entzogen wird und die nur noch aus dem Futterbeutel gefüttert werden, damit sie auf dem Spaziergang besser auf ihre Menschen achten. Genau diese Fraktion betont, dass sie ihre Hunde nicht bestechen oder mit Gudis dumm füttern, sondern gemeinsam auf die Futterbeutel-Jagd gehen. Das stärke die Bindung.
Sichere Bindung versus ambivalent – unsichere Bindungsstile
Wie oft habe ich gehört, dass die Hunde der «Randständigen» (mir fällt gerade kein besserer Begriff ein) über eine tolle Bindung verfügen, weil diese ohne Leine immer in der Nähe ihrer Menschen sind. Sicher gibt es Mensch-Hund-Beziehungen, bei denen das der Fall ist. Aber meistens sind diese Hunde dauernd damit beschäftigt, die Emotionen ihres Menschen richtig zu lesen und einzuschätzen, damit sie vorausahnen, was als nächstes passieren wird. So ein Verhalten dient einzig der eigenen Unversehrtheit und hat nichts mit sicherer Bindung zu tun.
Ist der vermeintliche Bindungspartner sehr inkonstant in seinem Verhalten, muss das Gegenüber umso wachsamer sein oder sich als Selbstschutz völlig aus der Beziehung herausnehmen. Letzteres ist für einen Hund, der in Abhängigkeit von seinem Menschen lebt, leider kaum möglich.
Eine sichere Bindung bedeutet folglich nicht, dass der Hund seinem Menschen an den Fersen klebt und seinen Blick nicht von ihm abwendet. In diesem Fall würden wir eher von einem unsicher-ambivalenten Bindungsstil reden.
Woran erkenne ich, ob mein Hund bei mir sicher gebunden ist
Ein sicherer Bindungsstil zeichnet sich dadurch aus, dass die Bindungspartner einander vertrauen, sich aufeinander verlassen können, auch mal eine Trennung für ein paar Stunden im Wissen möglich ist, dass der andere wiederkommt.
Eine sichere Bindung bedeutet, dass sich mein Hund in jeder Situation auf mich verlassen kann. Dass ich seinen Bedürfnissen nach Nähe, nach Geborgenheit, nach Gemeinschaft, nach Sicherheit, nach Schutz, nach Unversehrtheit und nach Nahrung nachkomme.
Eine sichere Bindung setzt voraus, dass ich meinen Hund wahrnehme und in seiner Individualität achte. Und zwar unabhängig von einer erbrachten Leistung.
Eine sichere Bindung kauft man sich nicht gleichzeitig mit dem Hund. Sie will Raum haben zum Wachsen und Gedeihen.
In diesem Sinne:
«Der beste Nährboden für eine sichere Bindung ist die unbedingte Liebe zu deinem Hund.»
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