"Früher war alles ganz anders" oder: vom Familienhund zum Therapiehund
«Früher war alles ganz anders» trifft auf die Ausbildungsmethoden zu
Dieser Satz kommt ja etwas abgestanden daher, hat aber doch in gewisser Weise und in einigen Situationen und Lebensbereichen seine Berechtigung. Mal wird er zitiert, um die gute alte Zeit zu verherrlichen, mal um aufzuzeigen, dass sich doch einiges zum Positiven verändert hat. Vor allem, wenn ich an die Hundeausbildung denke, kann ich dem nur zustimmen. Zumindest dort, wo die Lerntheorie tatsächlich verstanden wurde – also vom Menschen – und die restriktiven und einschüchternden Ausbildungsmethoden der Vergangenheit angehören.
Und wie war das früher mit der Sozialisierung unserer Hunde?
Es gibt aber auch Bereiche im Zusammenleben von Hund und Mensch, wo ich ernsthaft darüber nachdenke, ob der Alltag mit dem Menschen für unsere Hunde tatsächlich so viel besser ist als noch vor einigen Jahren. Wenn ich an unseren Mischlingsrüden in meiner Ursprungsfamilie denke, hatte der echt ein super zufriedenes und erfülltes Hundeleben. Er war integriert in unseren Familienalltag, genoss ausgiebige Spaziergänge, war fast jeden Tag im Reitstall mit dabei und mit den Pferden unterwegs. Er traf auf den Ausritten andere Hunde, lief sowieso meistens ohne Leine, hat zwar keine fundierte Ausbildung genossen, dafür aber viel Herz und gesunden Menschenverstand.
Der Umgang war aus meiner Sicht mit Ausnahmen authentischer
Natürlich würde ich heute mit meinem jetzigen Wissenstand einiges ändern und anders aufbauen. Unser Familienhund – ja das war er wirklich – konnte dafür mit fast allen Situationen sehr gelassen umgehen, auch wenn er nicht sofort in der Habachtstellung vor uns stand, wenn wir ihn gerufen haben.
Auf keinen Fall möchte ich an dieser Stelle die früheren Ausbildungsmethoden verherrlichen. Wir hatten Nachbarn mit Schäferhunden, die ein gänzlich anderes Dasein fristeten, als unser Rüde. Was aber im Vergleich zu heute prägnant anders war: es gab praktisch keine Hundeschulen, ausser den Ausbildungen in den Schäferhunde – und Boxerclubs.
Der Welpe wird bereits vorgeburtlich mit einem Stempel verziert
Heute gibt es Hundeschulen wie Sand am Meer. Was auch nicht in jedem Fall besser ist. Und was auch gänzlich anders ist als früher: die Hunde werden nicht mehr um ihrer selbst willen gekauft, sondern mit einem ganz konkreten Plan für die Zukunft des jeweiligen Vierbeiners.
Bereits die Welpenbesitzer haben einen virtuellen Lebenslauf für ihren Zögling verfasst: Sporthund soll er werden, oder Spürhund, oder Trüffelhund oder Agiweltmeister oder THERAPIEHUND.
Lerne doch den Welpen erst mal kennen und finde raus, was ihm und Dir Freude macht
Und damit bin ich eigentlich auch bei meinem Reizthema angelangt. Wie kann denn der Mensch über den zukünftigen Lebensinhalt seines Vierbeiners entscheiden, bestimmen, was seinem Hund Freude macht und wozu er auf diese Welt gekommen ist. Die Züchter giessen nicht selten auch noch Oel ins Feuer, indem sie ihre Welpen nur an Menschen abgeben, die auch sportliche Ambitionen mit dem Hund haben oder ihre Welpen als Therapiehunde in spe einsetzen wollen oder den Hund AUSLASTEN - ein weiteres Reizwort.
Hast du einen Therapiehund mit Locken, bis du dabei
Ich frage mich ernsthaft, worum es denn geht. Natürlich ist es in Ordnung, mit seinem Hund ein Hobby zu haben, das beiden Spass macht. Sehr allergisch reagiert mein System mittlerweile auf zwei Aussagen: «ich arbeite mit meinem Hund im Hundesport sowieso» oder, noch viel nerviger: «Mein Hund wird Therapiehund». Letzteres ist für mich wie ein rotes Tuch, das vor einem Stier rumwackelt. Was ist bloss mit der Menschheit los. Die Therapiehundeausbildungen ( an dieser Stelle zum X TEN Mal: es sind KEINE Therapiehunde, sondern BESUCHSHUNDE!) werden überschwemmt von den Lockenhunden und diversen anderen Hunden, die dazu verdonnert werden, fremde Menschen zu besuchen und Gudisuch- und andere Spiele zu machen in den jeweiligen Institutionen.
Das Wohl des Hundes steht da hintenan, zu Gunsten des menschlichen Geltungsdranges
Ja ich weiss, sehr provokativ, bin mir dem voll und ganz bewusst. Ich wage die Hypothese, dass es hier gar nicht um das Wohl des Hundes geht, diesem eine angenehme Beschäftigung zu verschaffen, sondern vielmehr darum, das Ego seines Menschen zu befriedigen, zu stärken oder sage ich hier besser: aufzublasen.
Wieso ist denn der Mensch nicht auf die Idee gekommen, in einem Altersheim ehrenamtlich ein paar Stunden zu verbringen ohne Hund? Auch das wäre den Bewohnern sicher sehr zugute gekommen. Wieso muss jetzt der Hund diese Aufgabe erfüllen? Weil es heute zum guten Ton gehört, zu sagen: Mein Hund ist ein THERAPIEHUND – ähm sorry, BESUCHSHUND? Weil das dem jeweiligen Menschen eine besondere Bedeutung gibt?
Was würde denn dein Hund für sich wählen, wenn er könnte?
Ich kann mir echt nicht vorstellen, dass der Hund von sich aus diese Aufgabe suchen würde. Aber dem Menschen verleiht das so was wie einen Sonderstatus, indem er sich von den banalen Alltagshundehaltern abhebt, so ein bisschen selber zum Therapeuten wird, indem er sagen kann – und das höre ich bis zum Abwinken fast täglich und ich frage mich, wo die denn alle «therapieren gehen»- : Ich habe einen THERAPIEHUND.
Ich arbeite selber als Ergotherapeutin und meine Hunde begleiten mich auch, wenn ich tiergestützt unterwegs bin. Und ja, ich arbeite mit einer Indikation in der Therapie und mit Zielsetzungen. Aber meine Hunde sind deswegen keine THERAPIEHUNDE. Nein, es sind ganz gewöhnliche zufriedene und fröhliche Hunde, die mit mir mein Leben und meinen Arbeitsalltag teilen.
Hunde sind in erster Linie unsere besten Freunde auf vier Pfoten
Und ja, wir haben unsere Hobbies zusammen, die wir ausüben, falls es uns danach ist. Dafür müssen wir keine Pokale einsammeln, keine Schleifen aufhängen und keine Therapiehundezertifikate an die Wand pflastern. Was ich eigentlich sagen möchte: muss denn der Hund immer ein Prädikat haben, so was wie ein Qualitätslabel – Therapiehund, Sporthund, Fährtenhund, Jagdhund etc.- oder darf er einfach der beste Freund seines Menschen auf vier Pfoten sein?
In diesem Sinne:
«Sei der beste Freund für deinen Hund und nicht sein Arbeitsgeber.»
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