Die Leine als Agreement zwischen Mensch und Hund
Morgenspaziergang unter Freunden
Wir sind schon fast am Waldrand angekommen, da flitzt eine kleine braune Fellkugel über das winterlich gefrorene Feld in der Morgendämmerung auf uns zu. Aus den Reaktionen meiner Hundedamen zu schliessen, kann es nur Tom, der Hund vom Nachbarshof sein.
Er hat das Privileg, bei allen meinen Damen willkommen zu sein. Sogar Leela, die Eindringlinge üblicherweise kurz verbellt und in deren Schranken weist, bleibt stumm und scharwänzelt um ihn herum. Er ist tatsächlich so etwas wie der Hahn im Korb oder der Rüde im Damenkränzchen. Tom beschliesst jeweils selber, ob er sich zu uns gesellt.
Reserveleine für alle Fälle
Für den Fall, dass er uns begleitet, habe ich immer eine Reserveleine mit dabei. Gebraucht habe ich sie bis jetzt noch nie. Und wir sind nun schon einige Jahre ab und zu in dieser Konstellation unterwegs.
Gruppengefühl
Wir gehen als Gruppe, wir warten als Gruppe, wir suchen Gudis als Gruppe (also, ich streue, die anderen suchen), wir geniessen den Morgen als Gruppe und wir kehren wieder als Gruppe zurück. Tom trabt zufrieden hinüber zum Hof, meine Damen geniessen ihr Morgenessen, während ich meine Notizen für die bevorstehende Lektion nochmals kurz durchgehe.
Wir gehen zusammen, weil das unsere Übereinkunft ist
Worauf ich hinaus will: Damit meine Hunde sich mit mir durch die Landschaft bewegen und wir uns nicht verlieren, benötige ich keine Leinen, um sie festzuhalten. Leinen hänge ich dort an meine Damen dran, wo Leinenpflicht vorgeschrieben ist oder falls Menschen sich beim Anblick eines Hundes ohne Leine unsicher fühlen. Ansonsten sind Signale und Übereinkünfte ausreichend. Wir gehen miteinander ohne aneinander festgebunden zu sein. Wir achten aufeinander und nehmen gegenseitig Rücksicht.
Möchtest du auch so mit deinem Freund auf vier Pfoten unterwegs sein?
Du fragst dich jetzt sicher, wie dieser wunderbare Zustand zu erreichen ist. Soll ich dir das Geheimnis verraten? Du musst es auch auf keinen Fall für dich behalten. Trag es in die Welt, schreib es in die sozialen Medien, erzähl es deinen Hundehalterfreunden, damit dieser Kampf an der Leine endlich ein Ende findet.
Aversive Einwirkungen sind fehl am Platz
Was ich schon einmal vorwegnehmen kann: Es kommen keine aversiven Hilfsmittel und mit Sicherheit keine aversivenTrainingsmethoden zum Einsatz. Keine Antizieh-Halsbänder, keine Kopfhalfter und auch keine Unter-den-Achseln-Geschirre.
Wieso nicht? Erstens erachte ich solche Massnahmen als tierschutzrelevant und erstens geht es um dich, also konkret um das andere Ende der Leine, und nicht um deinen Hund. Der kann «lockere Leine» in kürzester Zeit, wenn du ihm den richtigen Weg zeigst.
Der Weg dorthin führt über positive Verstärkung
Wie du diesen tollen Zustand erreichen kannst? Verstärke das erwünschte Verhalten «NEBEN DIR GEHEN» viel und oft und auf jedem Spaziergang. Sei präsent, achtsam und vor allem MIT deinem Hund unterwegs. Freu dich, wenn dein Hund neben dir geht. Wenn er von sich aus deine Nähe sucht. Und verabschiede dich sofort und endgültig von der Vorstellung, dass deine Leine ihn nachhaltig dazu bringt, bei dir zu bleiben oder freudig and deiner Seite mitzulaufen.
Die Schere in meinem Kopf
Wenn ich Hunde«halter» beobachte, nehme ich gedanklich eine Schere zur Hand und schneide alle bis zum Anschlag gespannten Leinen durch. Fast jeder zweite Mensch würde ohne seinen Hund in der Landschaft stehen, mit dem Leinenanfang in der Hand. Wenn du deine Präsenz auf dem Spaziergang an die Leine abgibst, hast du definitiv verloren.
Die Leine als nices Accessoire
Die Leine sollte für dich und deinen Hund nichts weiter als ein nices Accessoire sein, das du dabeihast, weil es dazugehört. Aber auf keinen Fall, um deinen Hund festzuhalten. Achtsamkeit, Freude und Präsenz sind die Zutaten für ein freudiges und entspanntes Gehen deines Hundes mit und neben dir.
Das Setting muss stimmen und deine innere Haltung
Bei einem jungen Hund liegt es eben nicht drin, nebenbei am Handy herumzudrücken, zu telefonieren oder mit einer Begleitung angeregt zu plaudern. Solange dein Hund noch nicht unter Ablenkung einige Meter an der lockeren Leine gehen kann, passt du die Lernsituation dir und deinem Hund entsprechend an. Diese Stunde gemeinsame Zeit ist dazu da, miteinander unterwegs zu sein, miteinander und voneinander zu lernen. Ja, du auch von deinem Hund. Er lehrt dich, bei dir zu sein, deine Aufmerksamkeit mit ihm zu teilen, in deinem Körper gut verankert zu sein, dein Verhalten zu adaptieren, dein Timing zu präzisieren, deine Stimmung wahrzunehmen, deine Gedanken zu sortieren und zu fokussieren.
Die Leine ist nichts weiter als ein Agreement zwischen dir und deinem Hund
Die Leine dient nicht dazu, Krafttraining zu machen, deine Arm- und Rückenmuskulatur zu stärken. Dafür empfehle ich dir ein Fitnesscenter oder Liegestützen zu Hause. Wieviel Zeit verbringst du sehr bewusst mit deinem Hund im Alltag? Und wenn ihr unterwegs seid, teilt ihr eure Erlebniswelten? Achtet ihr aufeinander? Für mich ist die Leine ein Agreement. Eine Übereinkunft mit meinen Hunden. Die Hunde sollen sich sehr wohl fühlen an der Leine. Sie sollen weder Schmerz noch Frust erfahren. Sondern die Leine als das annehmen, was sie ist: eine feine Verbindung von Freund zu Freund.
In diesem Sinne:
«Schenk deinem Hund deine Präsenz und ersetze DICH nicht durch eine Leine».
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