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Vom Glück, an einer Ampel zu warten

Das dritte Rotlicht in Folge. Meine Gedanken wandern kurz zum Armaturenbrett. Ja, ausreichend Zeit, das schaffe ich pünktlich bis zum Lektionsbeginn. Ich entspanne mich innerlich und mein Blick wandert nach vorne zum Fussgängerstreifen.

Die Spannung steigt
Da stehen sie, die beiden, wie ein älteres Ehepaar. Seite an Seite schauen sie gelassen in Richtung Fussgängerampel auf der gegenüberliegenden Strassenseite. Ganz im Gegensatz zum Autofahrer in der Kolonne neben mir, der seine Finger nervös über das lederne Lenkrad klimpern lässt. Die Spannung steigt. Wo springt das Licht auf Grün? Wer drückt zuerst aufs Gaspedal und kommt seinem Ziel bis zum nächsten Ampelstopp ein paar hundert Meter näher?

Wie eine kleine Meditation

Die beiden Wartenden am Fussgängerstreifen scheinen beinahe in eine kleine Morgenmeditation versunken zu sein. Durch ihre Ruhe setzen sie einen Contrapunkt zum nervösen morgendlichen Treiben um sie rum. Wie wohltuend, denke ich und lehne mich wohlig zurück. Fast komme ich mir vor wie ein Eindringling in diese kleine heile Welt der stillen Übereinkunft. Die beiden ahnen nicht, dass ich sie beobachte, sie ins Auge fasse, das Bild in mir aufnehme und mich berühren lasse.

Und dann wird`s grün
Da springt die Fussgängerampel auf grün. Der ältere Herr hält einen Moment inne, schaut zu seinem kleinen Hündchen runter, erkennt dessen Bereitschaft loszugehen. Die beiden setzten sich in Bewegung, wie wenn sie einer inneren Harmonie folgen würden. Synchron in Schritt und Tempo gehen sie mit einer bemerkenswerten Gelassenheit über die gelben Streifen. Die beiden strahlen eine Vertrautheit aus, die wohl über all die gemeinsamen Jahre gewachsen ist.

Zeit will Weile haben
Auf der anderen Seite angekommen, bleibt das Hündchen auf seinen wackeligen Beinen stehen, um einen Grasbüschel genauer unter die Lupe, respektive unter seine Nase zu nehmen. Der ältere Herr wartet geduldig an seiner Seite. Ohne sein Handy zu zücken, ohne nervös auf die Uhr zu schauen, ohne an der Leine zu zerren. Oder gar ohne das Interesse seines Hündchens übersehen zu haben. Er steht mit einem Lächeln auf den Lippen da und schaut seinem Hündchen beim Schnüffeln zu.

Tüütüüüt, tüütüüüt, was ist jetzt los? Ach du Schreck, ich habe das grüne Licht verpasst. Hinter mir drückt einer wie wild auf die Hupe. Ich sinke etwas im Sitz nach unten, wage gerade keinen Blick in den Rückspiegel zu werfen und lächle leise in mich rein. Wenn der wüsste, was er gerade verpasst hat. Da lohnt sich einmal warten allemal.

In diesem Sinne:

«Lass eine rote Ampel für dich zum kleinen freudigen Moment im Alltag werden.»

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