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Apportieren ist nicht gleich apportieren …

…  oder: apportieren unter einem anderen Blickwinkel betrachtet

Lass uns darüber reden. Für mich ist das Thema Apportieren eine Herzenssache. Wenn man es richtig aufbaut, einfach eine wunderbare Angelegenheit für Mensch und Hund. Ich möchte dir das Apportieren auf eine andere Art näherbringen, als du das möglicherweise erwartest oder kennst.

Apportieren ist eine klar strukturierte Aufgabe ...
Wenn ich von apportieren rede, meine ich damit eine ganz klar strukturierte Aufgabe für deinen Hund. Für dich natürlich auch. Dein Hund sitzt neben dir in der Grundstellung, also an deiner linken oder rechten Seite; in einiger Entfernung liegen ein oder mehrere Apportiergegenstände offen oder versteckt im Gelände. Der Weg dorthin kann einfach sein oder über Hindernisse oder an Verleitungen («Verlockungen») vorbeiführen. Auch die Distanz ist variabel, je nach Aufgabe und/oder Ausbildungsstand des Teams.

... und besteht aus mindestens fünf Teilschritten
Der Mensch zeigt dem Hund mit der Hand die Richtung an und der Hund richtet seine ganze Aufmerksamkeit in Ruhe dorthin. Erst dann folgt dein Signal zum Herausgehen. Sobald der Hund im Suchen-Gebiet ist, gibst du entweder einen Suchen-Pfiff oder dein Hund hat das Dummy markiert und trägt es auf direktem Weg wieder zu dir zurück, an allen möglichen Ablenkungen vorbei. Nun erfolgt die Abgabe in deine Hand und das Einparkieren in der Grundstellung oder Einparkieren mit Dummy und dann erst das Abgeben.

Einem Ball hinterherhetzen und ihn erjagen hat wenig mit apportieren zu tun
Wieso ich das so genau beschreibe? Weil ich dir zu Beginn vermitteln möchte, dass einen Ball zu werfen, den dein Liebling hetzt, dir vor die Füsse spuckt und erwartungsvoll hechelnd seinen Blick am Ball festklebt bis zum nächsten Wurf, gar nichts mit Apportieren zu tun hat. In etwa so wenig wie eine Landschildkröte mit einem Nilpferd.

Die Apportierarbeit ist anspruchsvoll für Mensch und Hund
Apportieren ist eine fein abgestimmte, konzentrierte, fokussierte, technisch anspruchsvolle, sehr intelligente, zielorientierte und unter Signalkontrolle gesetzte Teamarbeit von Mensch und Hund. Und sie hat nichts gemein mit einem Ball- oder Stöckchenfanatiker, der alle Synapsen für eine Verhaltensvariation abgeschaltet hat. Damit meine ich sowohl Mensch wie Hund. Apportierarbeit zeichnet sich gerade dadurch aus, dass Aufgaben sehr anspruchsvoll und sehr variabel aufgebaut werden. Kreativität in der Aufgabenstellung macht ein tolles Training aus.

Signale clever auswählen und unterscheiden
Natürlich darfst du deinem Hund ein Spielzeug werfen (Stöcke werfe ich generell nicht wegen der Verletzungsgefahr) oder mit ihm ein Zerrspiel machen. Alles gut, aber nenne das bitte nicht apportieren. Und benutze auch andere Signale dafür als die, welche du später in der Dummy- oder der Apportierarbeit einsetzen möchtest.
Wenn meine Hunde zerren dürfen, ist unser Zauberwort «packs». Und wenn sie hetzen dürfen, kommt immer zuerst mein Freigabesignal. Wenn das Signal fehlt und ein Gegenstand fliegt, bleiben sie sitzen. So stelle ich sicher, dass sie später bei fliegenden Dummies in aller Ruhe warten, bis unser Signal «Go» oder «Apport» ertönt. Kurz zusammengefasst: Ein Spielzeug hetzen lassen ist per se nicht apportieren, auch wenn dein Hund es dir im besten Fall noch bringt.

Die Sache mit der Abgabe von Objekten
Und nun kommen wir zu einem weiteren Aspekt und zwar zur Sache mit der Abgabe des Dummies. Gerade weil der Mensch im Kopf hat, dass sein Hund ihm das Dummy oder den Apportiergegenstand bringen muss, möchte er das Teil natürlich unbedingt auch haben. Sprich: Der Hund muss es in die Hand legen.
Wenn dein Hund und du noch keinen korrekten Aufbau genossen habt im Apportieren, wird das ein eher unbefriedigendes Unterfangen werden. Möglicherweise mehr für dich als für deinen Hund.

Was soll denn da schon schiefgehen?

Was kann denn schiefgehen? Eine ganze Menge. Du wirfst zum Beispiel den Gegenstand, dein Hund hat Freude am Hetzen und am Auf-der-Beute-Kauen. Folglich rennt er wie der Blitz hinterher, legt sich mit der Beute hin und macht einen auf Wiederkäuer.

Falls er nur Freude hat am Hetzen, packt er die Beute kurz, schüttelt sie vielleicht noch tot und lässt sie dann fallen, weil eine tote Beute sich nicht mehr hetzen lässt und er dann lieber eine Runde schnüffeln geht.

Oder dein Hund trägt die Beute zwar zurück, möchte sie aber nicht abgeben, während du voller Erwartung mit ausgestreckten Händen dastehst. Deine Absicht, nach dem Dummy zu fassen, ist nicht von deinen Händen zu weisen, um das einmal bildlich zu beschreiben. Was tut also der Hund? Genau, vor dem Menschen rumhüpfen, sich hinlegen und auf der Beute kauen, sich über der Beute wälzen etc. Und neiiiin, dein Hund ist nicht dominant. Er hat einen Konflikt. Er möchte die Beute auf keinen Fall teilen und schon gar nicht mit dir.

Was tut folglich der Mensch, wenn es nicht so ganz klappt mit dem Bringen?
Er regt sich innerlich und nach einer Weile auch äusserlich auf, wird immer ambitionierter im Sinne von: «Die Beute muss zu mir, die will ich haben». Ehrlich, das wird nichts werden. Je mehr du willst, desto weniger möchte dein Hund. Schliesslich bringt der doch sein Lieblingsteil nicht seinem Menschen, wenn dessen positive Ausstrahlung gerade in den Minusbereich gerutscht ist.

Und was jetzt? Dich innerlich anders ausrichten

Das Erste, was dein Welpe, Junghund oder auch erwachsener Hund lernen darf, ist, dass es sich immer lohnt, seine Errungenschaften zu dir zu tragen. Egal, was er drinnen oder draussen findet. Und das Erste, was du lernen darfst, ist, dass du ihm die Beute lässt und nicht gleich abnimmst. Aber loben darfst du und zwar ausgesprochen freudig. Lass deinen Welpen die Beute stolz tragen, gib ihm Raum, entferne dich wieder etwas von ihm, motiviere deinen Hund, so dass er voller Freude wieder zu dir rennt, geh in die Hocke, lass ihn zu dir reinkommen, lobe ihn wieder herzlich. Und ja, er darf an dir hochsteigen und dir das Dummy ins Gesicht drücken. So stolz ist der kleine Racker auf seine Errungenschaft. Bei einem erwachsenen Hund empfehle ich natürlich, das Hochsteigen weg zu lassen, da bist du ja auch nicht mehr in der Hocke, nehme ich mal an.

Kommen wir nun zur Abgabe des Gegenstandes in deine Hände
First of all: Streck bitte deine Hände nicht nach der Beute aus! Und versuch auch nicht, sie ihm aus dem Fang zu zerren. Und bitte halte ihm auch kein Gudi entgegen, weil du so mit Sicherheit das Ausspucken des Dummy förderst. Oder sich dein Welpe für seine Beute entscheidet, anstatt für deinen Leckerbissen. Dann stehst du enttäuscht da mit dem Gudi in der Hand. Das Zauberwort heisst: loben. Ja genau, ich lobe für das tolle lange Halten des Dummies. Ich lasse mir und meinem Hund Zeit, diesen Moment zu geniessen.

Die Belohnung kommt sowieso, aber nach dem Markersignal
Und wenn ich den Eindruck habe, dass ich jetzt markern kann, sage ich mein Markerwort. Der Welpe oder Junghund kennt das Signal bereits und weiss, dass er nun seine Belohnung für das Tragen und Halten des Dummies bekommt. Und gibt es dann auch gerne her.

Mein Motto ist: Wenn ich das Dummy nehmen soll, musst du dich ins Zeug legen
Mein Motto bei Welpen und Junghunden ist: «Wenn du mir das Dummy geben möchtest, musst du dich ein bisschen anstrengen, mir folgen, mich einholen, mir das Teil ins Gesicht drücken. Und wenn du Glück hast, nehme ich es dir dann auch ab.» Das macht doch was mit dir. Du kommst aus dem Habenwollen raus und dein Hund aus dem unbedingt Behaltenwollen. Voilà.

Merkst du was? Ich drehe den Spiess einfach um. Und es ist so toll zu erleben, wie motiviert und bestrebt die Kleinen plötzlich sind, ihre Errungenschaft mit ihrem Menschen zu teilen. Du musst unbedingt in deinem Kopf ausradieren, dass apportieren mit einer Ich-will-das Ding-haben Absicht verknüpft ist. Natürlich möchte ich das Dummy auch in meinen Händen, nur vermittle ich das meinem Welpen oder Junghund durch die Hintertür. Gute Strategie, finde ich. Die Hunde haben Spass und die Menschen auch. 

Was, wenn ihr bereits auf dem Weg in die Sackgasse seid?
Vielleicht hat dein Hund deine Hand bereits mit Wegnehmen verknüpft. Das ist nicht weiter schlimm. Wenn dein Hund das nächste Mal mit seinem Dummy in deine Richtung rennt, um dann zehn Meter vor dir stehen zu bleiben, dreh dich etwas seitlich weg und lege ganz offensichtlich neben dir eine Handvoll Gudis auf den Boden. Sobald dein Hund sich nähert, gehst du wieder weg. Er lässt das Dummy los, um die Gudis zu fressen, nimmt das Dummy wieder auf, schaut wo du bist und du legst schon die nächste Verlockung bei dir auf den Boden und entfernst dich wieder etwas, wenn dein Hund mit dem Dummy kommt. Lernfeld für deinen Hund: Dummy in Richtung Mensch tragen lohnt sich. Ich darf´s behalten und es gibt sogar noch eine Belohnung dafür.

Einmal mehr sind wir wieder bei deiner Einstellung angelangt

Solltest du selbst so einen Hund haben, der das Abgeben aktuell eher doof findet, ändere deine Intention und innere Haltung. Du wirst sehen, es funktioniert. Es geht weniger um die Übungen dazu, sondern darum, welches Bild du deinem Hund vermittelst. Sobald dein Welpe merkt, dass die Spielregeln sich geändert haben, wird er kurz nachdenken und mitmachen. Schliesslich will er mit dir zusammen Spass haben und nicht allein. Und schon habt ihr beide die Grundlage für ein erfolgreiches Apportieren gelegt.

Nun wünsche ich dir viel Freude beim Ausprobieren und freue mich wie immer über Rückmeldungen.

In diesem Sinne:

«Apportieren richtig aufgebaut ist eine tolle Sache. Sie fordert und fördert sowohl Mensch wie Hund auf allen Ebenen.»

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