Nichts im Leben ist umsonst. Ist das so?
Der Mensch als Tor zum Vergnügen
«Zu Hause räumt ihr alle Spielsachen für euren Hund weg, damit er nicht das Interesse daran verliert, wenn ihr mit ihm gemeinsam etwas machen möchtet.» Kann mir mal einer die Logik dahinter erklären? Der Hund bekommt nichts zur freien Verfügung, weil er sonst das Interesse an der Interaktion mit seinem Menschen verliert oder noch drastischer seinen Menschen gänzlich ausblendet.
Nichts im Leben ist umsonst
Übersetzt in die Menschenwelt heisst das, alle Legos, Puppen, Bälle und Sonstiges im Schrank einschliessen. Die Kinder haben nur Zugang zu den tollen Sachen, wenn Mami oder Papi das erlauben. Und die Erlaubnis hängt im Weiteren davon ab, ob den Erwachsenen gerade der Sinn danach steht, ihre Sprösslinge zu bespassen. Oder ob sich Klein Udo das Spielzeug auch verdient hat, indem er zuerst den Tisch abgeräumt oder die Wäsche in die Schublade einsortiert hat. Und stell dir das Fiasko vor, wenn Klein Udo zur Menschenspielzeit gerade absolut keinen Bock auf Interaktion hat. Schnell kontrollieren, ob doch noch etwas herumliegt, womit sich der Bube in der Zwischenzeit beschäftigt und sich womöglich bereits selbst versorgt hat. Kann doch nicht sein, dass er auf mein Angebot nicht anspringt wie der Motor beim Autostart.
Der Mensch als Tor zur Erfüllung der Bedürfnisse
Der Hund soll also folglich sein Leben in permanenter Erwartung und Hoffnung auf die wenigen Highlights des Tages verbringen. Schauen wir gemeinsam, was der Mensch sonst noch so bestimmt. Da stehen sicher die Essenszeiten an erster Stelle. Der Hund wartet sehnsüchtig auf diesen Moment in seinem Alltag. Und ist es dann soweit, darf er natürlich nicht sein Futter zusammensuchen oder wegfinden. Nein, er muss sich in Impulskontrolle und Selbstbeherrschung üben. Napf steht vor dem Hund, der Hund wird ins Sitzen beordert, der Mensch dreht noch eine Runde durch die Wohnung, der Sabber hängt bereits tief an den Lefzen und der Hund wartet immer noch. Ein kurzer Blickkontakt, vielleicht noch eine kleine Zusatzaufgabe und erst dann kommt die Freigabe in Richtung Napf. Wie absurd muss sich das für ein intelligentes Lebewesen anfühlen.
Wieviel Enrichment-Zeit draussen hat dein Hund?
Die Spaziergänge sind ein weiterer toller Fixpunkt im Leben deines Hundes. Ausser natürlich, du hast einen Angsthund, welcher vorerst lieber im Garten bleiben möchte. Sei ehrlich, wieviel Entdeckungszeit hat dein vierbeiniger Freund auf euren Spaziergängen wirklich. Wie oft verweilst du auch mal länger an einem Ort, damit dein Hund die Umgebung ausreichend erkunden kann. Oder ein Holz benagen. Oder im Sand ein Riesenloch buddeln. Oder an einer Badestelle ausgiebig suhlen. Oder gefühlte zwanzig Mauselöcher beschnuppern. Oder die Kühe auf der Weide beobachten.
Auslasten und Beschäftigen ist angesagt
Du hast in der Hundeschule mit Sicherheit gelernt, dass du deinen Hund auslasten und beschäftigen musst. Der langweilt sich sonst fürchterlich da draussen. Und macht dann sowieso sein eigenes Ding. Und das Futter gibt es womöglich auch nur für gute Arbeit mit dem Futterdummy. Arbeit auf einem Spaziergang ist nach meinem Verständnis von Zusammen unterwegs sein ein Widerspruch. Zumindest dann, wenn Erkundung keinen Platz mehr hat. Natürlich bauen wir auch Inseln ein, wo wir zusammen eine Aktivität machen, die uns Freude bereitet. Aber danach ist auch wieder Erkundungszeit angesagt.
Gib deinem Hund Freizeit, damit er sich gerne an dich wenden mag
Und weisst du was. Gerade weil die Hunde nicht dauernd kontrolliert und gegängelt werden, suchen sie immer wieder von sich aus den Kontakt zu mir. Ohne dass ich ihnen eine Ressource dermassen einschränke, damit sie sich zwangsläufig an mich erinnern müssen.
Zu welchen Menschen fühlst du dich hingezogen?
Wie hast du es denn so mit Menschen in deinem Umfeld. Welche sind dir sympathischer und zu welchen fühlst du dich eher hingezogen. Zu den Besserwissern und Allesbestimmenden oder zu den Toleranteren und Grosszügigen, welche auch deine Bedürfnisse erkennen und darauf eingehen können.
Da Hunde soziale Wesen sind wie du und ich, können wir doch davon ausgehen, dass sie Menschen bevorzugen, die bedürfnisorientiert mit ihnen unterwegs sind.
Abhängigkeit ist der Preis für das angenehme Leben im Familienverband
Dadurch, dass Hunde unseren Alltag teilen, mit uns als Familienmitglied leben, haben sie einerseits ein gesichertes Einkommen. Wir sorgen für sie und möchten, dass es ihnen gesundheitlich gut geht und dass sie emotional ausgeglichen sind. Auf der anderen Seite sind sie zu hundert Prozent von uns abhängig. Wir stecken im Dilemma fest.
Du schüttelst den Kopf? Dann geh doch kurz euren Alltag durch und schreib auf, wann und wo dein Hund selbst bestimmen darf, wann er spazieren gehen möchte. Oder seinen Kumpel von nebenan treffen. Oder mal wieder in den Badetümpel gehen. Oder an der Sonne im Garten liegen. Und selbst wenn er selbst bestimmen darf, bist trotzdem du die letzte Instanz, weil du es ihm möglich machst.
Der Kreis schliesst sich trotzdem
Eigentlich wollte ich in eine ganz andere Richtung schreiben. In diesem Beitrag wollte ich über das Alleine sein können zu Hause berichten. Und genau hier wird es spannend.
Wenn du jetzt darüber nachdenkst, wie abhängig unsere Hunde von uns sind und wie sehr sie sich den ganzen Tag an uns orientieren müssen, wie schwer muss es dann für einen Hund sein, wenn sein Mensch aus dem Haus geht. Da verschwindet auf einmal alles, was seine Welt ausmacht und bestimmt.
Selbstwirksamkeit und Selbstbestimmung sind die Grundlage für Autonomie
Vielleicht ist ein gangbarer Weg, deinen Hund zu mehr Selbstwirksamkeit zu führen. Ihm die Erfahrung zu ermöglichen, dass es ihm auch gut geht, wenn du dich gerade nicht um ihn kümmerst. Das geht aber nur, wenn du dich etwas zurücknimmst und deinem Hund die Möglichkeit gibst, sich selbst mit einer angereicherten Umwelt auseinanderzusetzen und zu beschäftigen.
Und somit sind wir wieder beim Einführungssatz angelangt, ändern ihn aber gleich noch etwas:
«Gib deinem Hund drinnen ausreichend Gelegenheit, all seine Sinne zu nutzen und sich selber mit etwas zu beschäftigen.»
In diesem Sinne:
«Anerkenne, dass dein Hund ein Recht auf Selbstbestimmung hat.»
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