Sinn und Unsinn der WhatsApp-Gruppen für WelpenbesitzerInnen
Warst du auch schon mal Mitglied in einer WhatsApp-Gruppe für WelpenbesitzerInnen? Eine sehr spezielle Erfahrung, wie ich finde. So viele Jubelrufe auf all die «Fein-Bisi» und «Prima-Gaggi» kannst du gar nicht mehr zählen! Sigmund Freud selig hätte vermutlich Freude gehabt an all den oralen Lobeshymnen auf die Welpenkinder.
Der Ehrgeiz macht keinen Halt bei den Ausscheidungen
Der Ehrgeiz der Hundeeltern konzentriert sich nicht nur auf den Bereich der Ausscheidungen, sondern auf jede noch so kleine Lautäusserung oder auf jede noch so kleine Heldentat ihrer neuen Zöglinge.
Versteh mich bitte richtig. Natürlich ist es toll, was so ein kleines Wesen alles tut in seinen ersten Lebenswochen. Und natürlich liebe ich es genauso wie du, meinen Welpen zu beobachten, ihn zu herzen, mich an all seinen Schrittchen in seiner neuen Welt zu erfreuen. Und sowieso ist mein Welpe immer der Beste, der Schönste, der Klügste und der Vorwitzigste vom ganzen Wurf.
Die WhatsApp-Posts schüren einen ungesunden Ehrgeiz
Nur: Muss ich es denn mit der ganzen Whatsapp-WelpenbesitzerInnen-Wurfwelt teilen? Neulich hatte ich die Chance, einen Einblick in all die WhatsApp-Posts von frischgebackenen Welpeneltern zu erhalten. In den ersten Tagen wie erwähnt all die Einträge über die Pupsis, Gaggis und Bisis. Doch spätestens ab Woche zwei geht es so richtig los, um nicht zu sagen, es geht die Post ab.
Muss denn dein Welpe bildlich gesprochen schon auf das Matterhorn kraxeln?
Ein paar Beispiele möchte ich unbedingt mit dir teilen: «Wir waren gestern auf der Rigi. Sessellift fahren kann unser toller Boy bereits. Er wird sicher ein richtiger Bergsteiger werden, so sportlich wie der ist.»
Oder: «Gestern waren wir auf Stadtbesuch. Echt cool unser Goldschatz. Busfahren, Rolltreppe, Einkaufszentrum und das ganze retour. Danach noch ein Besuch im Café und jetzt liegt er ganz zufrieden in seinem Bettchen und schläft. Morgen geht es dann weiter mit unserem Sozialisierungsprogramm, wir gehen auf das Rheinschiff und am Nachmittag machen wir einen Tierarztbesuch zum Kennenlernen.»
Oder: «Heute Morgen war es so toll in der Welpengruppe. Wir haben Sitz und Platz geübt, Dinge ausspucken und den Rückruf. Unsere Kleine ist einfach der Superstreber. Sie kann sogar schon an der Leine laufen.»
Noch so ein ermutigender Beitrag: «Also, wir haben heute zum ersten Mal apportiert. Sie rennt wie eine Wilde dem Ball hinterher. Die wird mal eine ganz Grosse in der Dummyarbeit. Nächste Woche üben wir das Warten, wenn ein Ball fliegt.»
Ein weiteres Beispiel: «Unser Bube wird gar nie müde. Er hat Energie für drei. Vorhin waren wir eine Stunde draussen. Zuerst Verkehrstraining an der Strasse, dann im Park nebenan ein bisschen Sozialisierung mit anderen Hunden. Er kennt jetzt schon fünf Hunderassen. Die restlichen 689 schaffen wir auch noch bis er jährig ist. Und er ist gar nicht müde, rennt gerade wie eine Dampfwalze über unsere Polstergruppe. Ich muss jetzt aufhören und ihn noch etwas beschäftigen, damit er dann auch schlafen kann.»
Und so sollte es sein mit der Sozialisierung
Und nun folgt für euch noch ein sehr unspektakulärer Beitrag einer frischgebackenen Hundemama. Wie kann sie nur so was in den Chat schreiben: «Wir hatten heute einen wunderbaren Tag. Unsere kleine Maus hat fast den ganzen Tag zufrieden in ihrem Bettchen geschlafen, wir waren in einem kleinen Waldstück, wo sie ruhig alles erkundet und erschnüffelt hat. Ich habe mich dazu gesetzt und wir haben in aller Ruhe die Welt angeschaut. Sie hat Freude am Buddeln und Wurzeln benagen, sie beobachtet die Vögel und legt sich zu mir hin zum Bauch kraulen. Danach sind wir wieder nach Hause gefahren. Jetzt schläft sie zufrieden neben mir auf ihrem Kissen und schnarcht leise vor sich hin. Für heute haben wir genug erlebt.»
Die Menschen sind leider auf Leistung programmiert
Rate mal, wer ganz viele Bravorufe bekommen hat von den anderen Welpen-WhatsApp-Eltern? Sicher nicht unsere phantasielose Welpenbesitzerin, die nichts anderes tut, als sich in den Wald zu setzen. Die verpasst doch tatsächlich die wichtige Sozialisierungsphase. Danach ist Sense. Das Zeitfenster für das Umweltlernen ist geschlossen und der arme Welpe bleibt doof. Wie kann man nur! Im Gegensatz dazu erhalten die Frühförderungs-Enthusiasten ganz viele Daumen hoch und Winke-Händchen für ihr umsichtiges Welpenschulungs-Programm.
Wir werfen einen Blick in die Kristallkugel Szene 1
Lass uns nun einen Blick in die Kristallkugel werfen. Nach acht Monaten findet an einem Sonntagmorgen ein Wurftreffen statt auf einem Waldparkplatz mit Wiesenanschluss. Fast alle Geschwister sind dabei. Die Heckklappen öffnen sich und sechs mittlerweile stattliche Junghunde schiessen wie Kanonenkugeln aus den Autos in Richtung Wiese. Kein Halten mehr. Die Freude wird lautstark in den Morgen gebellt, gefiept und gequietscht. Aber da fehlt doch noch unsere langweilige Hündin, hat wohl keine Courage, die Arme.
Im Restaurant Szene 2
Die Junghündin ist die Ruhe selbst, steigt auf ein Signal ihrer Besitzerin aus dem Auto und wirkt einfach nur gechillt. Sie sucht in aller Ruhe noch ein paar Gudis, schaut ihren Menschen an und rennt dann nach dem Freigabesignal fröhlich zu der Gruppe hinüber.
Tischgespräche Szene 3
Später beim Brunch im nahegelegenen Restaurant schläft die junge Dame zufrieden bei ihrem Menschen unter dem Tisch. Die anderen müssen im Auto warten, weil sie mit so vielen Aussenzreizen nicht umgehen können. Die WhatsApp-Beiträge sind in den letzten Wochen seltener geworden. Weshalb wohl? Ab und zu fällt ein Satz wie: «Du hast halt Glück, deine war sowieso immer die Schlaftablette unter den Welpen. Meiner hat halt viel mehr Pfupf. Ein richtiger Draufgänger.» Aber so ganz überzeugt tönt auch das nicht mehr.
WhatsApp-Gruppen können unter bestimmen Umständen schaden ...
Meine Meinung zu WhatsApp-Gruppen kannst du erahnen, wenn du mich kennst. Sie schüren einen völlig falschen Ehrgeiz, nähren das Ego der neuen HundebesitzerInnen, vermitteln ein gänzlich falsches Bild, was ein Welpe in den ersten Wochen braucht und regen zu einem äusserst ungesunden Wettkampf an, nach dem Motto: «Meiner kann schon dieses und jenes, kann das deiner auch?»
... oder hilfreich und unterstützend sein
Es sei denn, die Züchterin oder der Züchter greifen da wirklich beherzt, aufklärend und wenn nötig korrigierend ein und vermitteln verständlich und eindringlich, dass ein Welpe vor allem Ruhe und Zeit braucht, um all die neuen Eindrücke zu verarbeiten, in seinem neuen zu Hause anzukommen, seine neue Familie kennenzulernen und in kleinen Schritten die Welt zu entdecken. Sie erklären, dass es Sinn macht, mit der Welpengruppe noch zu warten und nicht schon nach drei Tagen dorthin zu rennen. Und auf keinen Fall dauernd zu vergleichen, wer was schon kann. Dann, aber auch nur dann, haben WhatsApp-Welpengruppen eine Daseinsberechtigung.
In diesem Sinne:
«Lass bitte die Finger weg von Welpen-WhatsApp-Gruppen, wenn du und dein Welpe unter Leistungsdruck geratet.»
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