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Coaching für Mensch&Hund

Wenn Hunger kein Ende kennt

Mara und der volle Bauch

Wo mag nur Mara stecken? Lena sucht sie im ganzen Haus. Im Garten ist sie auch nicht. Seltsam. Kein Laut ist zu hören. Endlich entdeckt sie ihre schlafende Hündin im Keller. Neben ihr liegt ein zerrissener Futtersack. Maras Bauch ist kugelrund und spannt sich wie ein Ballon.

Die nächsten Stunden verbringt Lena damit, ihre Hündin genau zu beobachten. Die Tierarztpraxis ist informiert, falls sich ihr Zustand verschlechtern sollte. Auch die Gefahr einer Magendrehung steht im Raum. Zum Glück war der Futtersack nur noch etwa zu einem Viertel gefüllt.

Mehr als nur Verfressenheit

Wie kann es sein, dass ein Hund derart über sein Sättigungsgefühl hinaus frisst? Bis er beinahe platzt? Was auf den ersten Blick wie grenzenlose Verfressenheit aussieht, kann bei manchen Labradoren und Flat Coated Retrievern tatsächlich einen genetischen Hintergrund haben.

Die Ursache kann eine Mutation im sogenannten POMC-Gen sein. Hinter dieser Abkürzung verbirgt sich der komplizierte Name Proopiomelanocortin. Dieses Gen ist unter anderem an der Regulation von Hunger und Sättigung beteiligt. Es beeinflusst das Belohnungssystem, wirkt sich auf das Schmerzempfinden aus und spielt auch beim Energieverbrauch eine Rolle. Liegt diese Genmutation vor, können wichtige Botenstoffe nicht mehr vollständig gebildet werden. Das Gehirn erhält dadurch weniger deutliche Signale dafür, dass der Hund eigentlich satt ist.

Die Folge ist, dass manche Labradore und Flat Coated Retriever einen aussergewöhnlich grossen Appetit entwickeln. Sie suchen zu Hause ständig nach Essbarem, stehlen Lebensmittel, betteln häufiger und scheinen auch nach einer normalen Mahlzeit noch hungrig zu sein. Das bedeutet jedoch nicht, dass jeder übergewichtige oder besonders futteraffine Retriever automatisch diesen Gendefekt hat. Haltung, Fütterung, Bewegung, Gesundheitszustand und Lernerfahrungen beeinflussen das Körpergewicht ebenfalls ganz wesentlich. Der POMC-Defekt ist deshalb nur eine von mehreren möglichen Erklärungen.

Wenn dir auffällt, dass dein Hund auch nach dem Fressen unermüdlich nach Nahrung sucht, draussen und in der Wohnung alles Essbare aufspürt, scheinbar nie satt wird und für ein Futterstück seine Grossmutter verkaufen würde, lohnt es sich, diesen genetischen Zusammenhang zumindest im Hinterkopf zu behalten.

Wenn das Gehirn anders arbeitet

Für das Training bringt diese genetische Besonderheit durchaus Vorteile mit sich. Ein Hund, für den Futter einen aussergewöhnlich hohen Stellenwert hat, lässt sich häufig sehr gut über Futter verstärken. Ich frage mich deshalb, ob die oft beschriebene Leichtführigkeit von Labradoren und Flat Coated Retrievern zumindest teilweise auch damit zusammenhängen könnte. Wissenschaftlich bewiesen ist das zwar nicht, der Gedanke liegt für mich aber durchaus nahe.

Man kann sich das Belohnungssystem ungefähr so vorstellen: Für einen Labrador mit POMC-Defekt liegt der Wert eines Futterstücks auf einer Belohnungsskala von eins bis zehn vielleicht bei zwölf. Für einen Labrador oder Flat Coated Retriever ohne diese Genmutation liegt derselbe Verstärker möglicherweise eher bei sieben. Das erklärt, weshalb manche Hunde selbst unmittelbar nach einer Mahlzeit jedes Futterstück gierig aufnehmen und es ihnen deutlich schwerer fällt, in Gegenwart von Nahrung zur Ruhe zu kommen.

Hinzu kommt, dass durch die Mutation auch ein bestimmtes Endorphin nicht mehr vollständig gebildet wird. Dadurch verändert sich die Verarbeitung von Hunger und Belohnung im Gehirn. Diese Hunde suchen länger und intensiver nach Futter, geben die Suche weniger schnell auf und bleiben erstaunlich hartnäckig. Aus evolutionärer Sicht war das vermutlich ein Vorteil, weil Tiere mit einer besonders ausgeprägten Nahrungssuche in Zeiten knapper Ressourcen bessere Überlebenschancen hatten. Im Alltag eines Familienhundes kann genau diese Eigenschaft jedoch zum Problem werden. Die Hunde bringen sich unter Umständen selbst in Gefahr, weil sie draussen alles fressen, was ihnen vor die Nase kommt.

Interessanterweise wurde diese Genmutation bei Assistenzhunden häufiger gefunden als in der allgemeinen Labradorpopulation. Die Forschenden vermuten, dass Hunde mit einer besonders hohen Futtermotivation im Laufe der Jahre häufiger für die Assistenzhundezucht ausgewählt wurden, weil sie sich über Futter sehr gut trainieren lassen. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Mutation gezielt gezüchtet wurde.

Was bedeutet das für den Alltag?

Immer wieder höre ich den Satz, Labradore oder Flat Coated Retriever würden alles fürs Futter machen. Bereits diese Aussage halte ich für unglücklich. Wir arbeiten im modernen Hundetraining mit Verstärkung und nicht mit Locken. Gleichzeitig lässt sich nicht bestreiten, dass Futter für manche dieser Hunde einen aussergewöhnlich hohen Verstärkerwert besitzt. Gerade deshalb finde ich es wichtig, auch andere Verstärker aufzubauen. Dazu gehören gemeinsames Erkunden, Schnüffeln, soziale Interaktion, Kontaktliegen, Spiel oder andere Aktivitäten, die dem einzelnen Hund Freude bereiten.

In diesem Zusammenhang möchte ich auch einen kritischen Gedanken zu manchen Erziehungsratschlägen äussern. Häufig wird empfohlen, mit besonders futteraffinen Hunden möglichst viel Impulskontrolle rund um Nahrung zu trainieren. Natürlich darf und soll jeder Hund lernen, sich im Alltag zurückzunehmen. Es macht jedoch wenig Sinn, einen Hund mit POMC-Defekt immer wieder unnötig in Situationen zu bringen, in denen er gegenüber Futter maximale Selbstkontrolle leisten muss. Diese Hunde müssen dafür biologisch oft deutlich mehr Energie aufbringen als Hunde ohne diese genetische Voraussetzung. Verhalten können wir beeinflussen. Die genetischen Grundlagen des Gehirns lassen sich dadurch jedoch nicht verändern.

Verhalten verstehen statt vorschnell urteilen

Vielleicht denkst du deshalb beim nächsten Labrador oder Flat Coated Retriever, der scheinbar unersättlich nach Futter sucht, nicht zuerst an mangelnde Erziehung oder fehlende Konsequenz. Vielleicht fragst du dich vielmehr, welche biologischen Voraussetzungen dieser Hund mitbringt. Genau dort beginnt für mich ein fairer und differenzierter Blick auf Verhalten. Denn Verhalten darf nie losgelöst von der Biologie betrachtet werden. Das entbindet uns nicht davon, unsere Hunde zu führen oder Grenzen zu setzen. Es hilft uns aber, unsere Erwartungen an die individuellen Möglichkeiten des einzelnen Hundes anzupassen.


In diesem Sinne:

«Biologie gehört immer zum Verhalten dazu.»

 

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