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Coaching für Mensch&Hund

Selbstwirksamkeit – warum Kinder kleckern und Hunde entscheiden dürfen

Eine Szene am Frühstückstisch 

Klein Berta sitzt auf ihrem Kinderstühlchen am Esstisch. Vor ihr liegt auf einem Teller eine Scheibe Brot. Die Marmelade steht direkt daneben. Sie streckt ihre Arme nach dem Löffel aus, der im Glas steckt. Doch bevor sie danach greifen kann, zieht die Mutter den Löffel aus dem Marmeladenglas: «Dafür bist du noch zu klein!» Und löffelt die Marmelade auf Klein Bertas Brotscheibe. Diese ist den Tränen nahe und lässt das Brot auf dem Teller liegen.

(Bild Chat GPT)

Selbe Szene, andere Besetzung.

Klein Anna greift nach dem Löffel im Marmeladenglas. Die Mutter schaut zu und lässt Klein Anna machen. Diese füllt den Löffel mit der klebrigen Masse, zieht ihn aus dem Glas und kleckst dabei etwas auf den Tisch. Der Rest landet auf der Brotscheibe und Klein Anna beisst zufrieden in ihr Werk. Die Mutter lobt sie dafür, dass ihr das so gut gelungen ist.

Eine einfache Frage

Welches Kind erfährt hier gerade mehr Selbstwirksamkeit? Und welches Kind wird sich auch in Zukunft mehr zutrauen?

Die Antwort liegt irgendwo zwischen Marmeladeglas, Brotscheibe und Kindermund. Eltern, die ihren Kindern vieles abnehmen, vermitteln ihnen ungewollt, dass sie ihnen eigenes Handeln nicht zutrauen. Ein Kind, dem alles abgenommen wird, kann sich nicht als selbstwirksam erleben. Es kann später schneller frustriert sein und sich weniger zutrauen.

Albert Bandura und die Selbstwirksamkeit

An dieser Stelle ein Zitat von Albert Bandura, Psychologe und Professor (1925–2021): Self-efficacy refers to beliefs in one’s capabilities to organize and execute the courses of action required to produce given attainments. — Albert Bandura, Self-Efficacy: The Exercise of Control (1997). Sinngemäss zusammengefasst bedeutet das: Menschen handeln nicht nur nach dem, was sie können, sondern nach dem, was sie sich zutrauen.

Vier Ebenen der Selbstwirksamkeit

Nach Bandura beeinflusst Selbstwirksamkeit Verhalten auf vier unterschiedlichen Ebenen.

1 Entscheidung für oder gegen eine Handlung
Wenn die Selbstwirksamkeit niedrig ist, vermeiden Menschen viele Situationen. Typische Gedanken sind zum Beispiel: Das schaffe ich sowieso nicht oder: Ich probiere es lieber gar nicht erst.

2 Anstrengung und Einsatz
Wenn wir uns selbstwirksam erleben, sind wir bereit, mehr Energie und Kraft in etwas zu investieren. Wir sind überzeugt davon, dass wir es schaffen können, auch wenn wir uns anstrengen müssen, um zum Ziel zu kommen.

3 Durchhaltevermögen bei Schwierigkeiten
Wenn ein Problem oder eine Schwierigkeit auftritt, denken Menschen mit hoher Selbstwirksamkeit eher, dass sie diese bewältigen können. Menschen, die wenig Selbstwirksamkeit erfahren haben, geben bei Problemen schneller auf.

4 Emotionale Reaktion
Wenn Menschen glauben, eine Situation bewältigen zu können, erleben sie mehr Handlungssicherheit und weniger Angst und Stress.

Die vier Quellen der Selbstwirksamkeit

Bandura beschreibt vier zentrale Quellen, aus denen Selbstwirksamkeit entsteht.

1 Eigene Erfolgserlebnisse
Das gilt als der stärkste Faktor. Wer erlebt, dass eigenes Handeln zum Erfolg führt, entwickelt Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

2 Beobachtungslernen oder Modelllernen
Jemanden zu beobachten, der etwas gut kann und der einem ähnlich ist, motiviert und ermutigt zum eigenen Ausprobieren.

3 Soziale Ermutigung
Ehrlich gemeinter Zuspruch von Menschen, die uns wichtig sind, kann Selbstwirksamkeit ebenfalls stärken.

4 Körperliche und emotionale Zustände
Menschen interpretieren ihre eigenen Körpersignale. Herzklopfen kann als Angst oder Unruhe wahrgenommen werden, es kann aber auch als normale Aktivierung während einer Anstrengung verstanden werden.

Selbstwirksamkeit im Lernprozess

Selbstwirksamkeit spielt eine zentrale Rolle im Lernprozess. Menschen mit hoher Selbstwirksamkeit wählen anspruchsvollere Aufgaben, lernen aktiver, bleiben länger dran und entwickeln häufiger neue Strategien. Wichtig zu erwähnen ist, dass Selbstwirksamkeit sich immer auf konkrete Aufgaben oder Situationen bezieht, sie ist also situationsbezogen.

Selbstwirksamkeit beim Hund – gibt es das?

Die Frage stellt sich auch im Umgang mit Hunden.

Hunde, die in einer sehr strukturarmen Umgebung aufwachsen, zum Beispiel in einem Shelter im Ausland mit wenig Möglichkeiten zum Explorieren und Erkunden, verfügen vermutlich später über weniger Selbstwirksamkeit als ein Hund, der als Welpe in einer mit unterschiedlichen Lernmöglichkeiten angereicherten Umgebung seine ersten Lebenswochen verbringen durfte. Hunde in einem Shelter machen nur sehr begrenzt die Erfahrung, dass sie mit ihrem Verhalten Einfluss auf eine Situation nehmen können. Viele Hunde landen deshalb auch in einer sogenannten erlernten Hilflosigkeit. Je nach Schweregrad versuchen sie, ihre Not durch stereotype Verhaltensweisen zu verringern oder sie geben gänzlich auf und bewegen sich kaum mehr.

Selbstwirksamkeit wieder ermöglichen

Ein Hund, dem lange jede Möglichkeit zur Erfahrung von Selbstwirksamkeit gefehlt hat, darf in einer neuen Umgebung oft zuerst wieder ganz elementare Dinge lernen.

Zum Beispiel einfache Entscheidungen zu treffen: Wo möchte ich mich hinlegen? Wie viel Abstand brauche ich zu einem angstauslösenden Reiz? Welche Abzweigung möchte ich auf einem ruhigen Spaziergang nehmen? Oder welchen Keks esse ich zuerst?

Der Mensch kann den Hund darin unterstützen, indem er Lerngelegenheiten so gestaltet, dass der Hund innerhalb seiner aktuellen Möglichkeiten Wahlfreiheit hat, ohne ihn zu überfordern.

Fingerspitzengefühl des Menschen

Genau wie bei den eingangs beschriebenen Szenarien mit den Kindern hängt vieles vom Menschen ab. Nimmt er dem Hund alles ab, aus Mitleid oder weil er es seinem Vierbeiner nicht zutraut, kann der Hund nicht innerlich wachsen. Es braucht vom Menschen viel Fingerspitzengefühl und Fachkompetenz, um jeden Hund dort zu fördern, wo es gerade wichtig ist und passt. Oft denkt der Mensch in Meilenstiefeln, während der Hund noch mit den kleinen Steps beschäftigt ist.

Fazit

Selbstwirksamkeit entsteht durch positive Lernerfahrung. Druck und Kontrolle sowie der Anspruch an Perfektion sind nicht  hilfreich. Die kleinen Schritte führen uns und unsere Hunde ans Ziel. Wer erleben darf, dass das eigene Handeln einen Unterschied macht, entwickelt Vertrauen in die eigenen Möglichkeiten. Dieses Vertrauen ist ein zentraler Motor für Lernen, Entwicklung und inneres Wachstum. Sowohl beim Menschen wie auch beim Hund.

In diesem Sinne:

«Wenn Lebewesen Handlungsspielraum haben, erfahren sie, dass ihr Verhalten Bedeutung hat.»

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