«Mein Hund macht das extra!»
Der Hilferuf
«Ich brauche dringend Einzellektionen. Mein Hund macht weder Sitz noch Platz ohne Leckerli. Er ist sehr stur. Er weiss genau, was ich von ihm will, hat aber keine Lust dazu. Deshalb bekommt er jetzt keine Leckerlis mehr.»
Funktioniert hat es offenbar nicht, denke ich.
Die Diagnose ist schnell gestellt
Im weiteren Gespräch sind dann Begriffe wie Befehl, Kommando, Ungehorsam, Dominanz und natürlich Kontrolle gefallen. Fazit: Der Hund braucht mehr Erziehung. Dass es möglicherweise gar nicht am Hund liegt, war natürlich kein Thema.
Mein kurzer Realitätscheck bezüglich eines rudimentären Verständnisses über Lernen, Lerntheorie und Lernmethoden fiel äusserst bescheiden aus.
Der Hund als vermeintlicher Täter
Was mir immer sehr leid tut, ist die Annahme, dass der Hund ein Verhalten aus dem einzigen Grund zeigt, den Menschen zu ärgern. Auf die Idee, den eigenen Wissensstand einmal genauer unter die selbstkritische Lupe zu nehmen, kommt der Mensch offenbar nicht.
Die Realität auf dem Hundeplatz
Da werden junge Hunde in Gruppenlektionen gesteckt. Das Gehirn im pubertären Umbruch, die Aufmerksamkeit mehr als nur geteilt. Aus welchem Grund? Der Hund soll lernen, was er zu tun hat: Sitz, Platz und Fuss auf Befehl. Leider ist dieses Vorhaben zum Scheitern verurteilt. Die Ablenkung durch all die Gerüche und Hundekollegen ist zu gross, die Versuchung zur Kontaktaufnahme zu intensiv.
Gehorchen steht in Grossbuchstaben am Eingangstor des Hundeplatzes
Wenn der Hund ein ganz Braver war, im Sinne von: alles ausgeführt, was der Mensch befiehlt, geht der Zweibeiner stolz und zufrieden nach Hause. Hat der Hund mehr eigene Ideen verwirklicht als die vom Menschen eingeplanten, hängt der Haussegen schief.
Das rätselhafte ES
Was mich tatsächlich immer etwas innerlich aufwühlt, ist die Aussage, dass der Hund ES extra macht. Was dieses ES genau ist, bleibt nicht selten im Raum stehen.
Im Prinzip kann der Hund nur verlieren, auch wenn er sich noch so sehr bemüht. Er findet auch beim vierten Anlauf nicht heraus, was dieses ES ist, das er ausführen soll.
Der Mensch kommuniziert in etwa so eindeutig wie das Wetter im April.
Wenn Frust entsteht, ab ins Bootcamp
Irgendwann reisst auch dem gechilltesten Hund der Geduldsfaden. Mehr oder weniger heftige Frustreaktionen sind die Antwort auf die Inkompetenz des Menschen. Dieser fühlt sich dadurch in seiner Annahme umso mehr bestätigt, dass sein Hund ungehorsam, frech und dominant ist.
Ab ins Trainingslager für vier Wochen. Bootcamp auf hündisch. Der Hund wird trainiert und für den Alltag mit seinen Menschen fit gemacht.
Während dieser Zeit sitzt der Mensch zu Hause ohne Hund und lernt nichts dazu. Weshalb denn auch. Der Hund muss korrigiert werden, weil er der Rüpel ist, der alles nur mit Leckerlis macht, wenn überhaupt.
Selbst wenn der Hund dann zum zweiten Mal ins Camp muss, kommt der Mensch nicht auf die Idee, dass ein Rollentausch angesagt wäre.
Die zwei Minunten Regel
Manchmal würde ich am liebsten nach zwei Minuten das Gespräch beenden. Aber irgendwo in mir ist die Hoffnung, dass es noch besser kommt. Und die Einleitung vielleicht etwas missverständlich daherkam.
In diesem Sinne:
«Wie war das nochmals? Die Hoffnung stirbt zuletzt. Dann aber endgültig.»
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