Coaching im Hundetraining – Inhalt oder Etiket
Der Coaching Dschungel
Jede Hundeschule führt mittlerweile ein Angebot mit dem Titel «Coaching» oder «Einzelcoaching» im Programm.
Der Begriff Coaching ist nicht geschützt. Grundsätzlich kann sich jede Person Coach nennen. Entsprechend gross ist der Coaching Dschungel geworden.
Um etwas Klarheit in diesen Coaching Dschungel zu bringen, lohnt sich zuerst ein Blick auf die Begrifflichkeiten. Was beinhaltet Coaching überhaupt und welche Voraussetzungen muss ein sogenannter Coach mitbringen?
Im Folgenden zunächst eine Definition von Coaching. Anschliessend eine Definition von Training und inwiefern sich Coaching von Training wesentlich unterscheidet. Ein Zwischenweg ist die Beratung, welche Aspekte sowohl von Coaching wie auch von Training beinhaltet.
Was Coaching wirklich bedeutet
Coaching ist eine lösungs und ressourcenorientierte Beratungsform. In einem Coaching geht es in erster Linie darum, den Coachee (Klienten) anzuregen, eigene Lösungsmöglichkeiten zu entwickeln, um das von ihm definierte Ziel zu erreichen. Ziele sollen so festgelegt werden, dass sie motivierend, realistisch, erreichbar und messbar sind.
Aufgabe des Coaches ist es, im Gespräch gemeinsam herauszufinden, wo die Ursachen für die Probleme liegen. Er behält den Prozess im Auge und gibt Inputs, wenn der Coachee mit den eigenen Möglichkeiten der Problemlösung an einem Punkt ansteht.
Es geht nicht darum, fertige Lösungswege zu präsentieren, sondern die Selbstwirksamkeit und Selbstbefähigung des Coachees zu fördern sowie dessen Ressourcen zur Problemlösung zu stärken. Der Coachee lernt, sich selber besser wahrzunehmen und sein Verhalten zu reflektieren. Im Coachingprozess erfährt der Coachee seine eigenen Möglichkeiten zur Problembewältigung, was ihn innerlich stärkt.
Ein Coaching ist keine Hierarchiekonstellation. Beide – Coach wie auch Coachee – sind gleichberechtigte Partner. Gemeinsam legen sie den Weg fest. Der Coachee ist und bleibt Fachperson über sich selber.
Training verfolgt ein anderes Ziel
Training hat das Ziel, einen aktuellen Leistungsstand zu erhöhen oder zu verbessern. Im Training gibt es ein definiertes Trainingsziel. Die Mittel und Methoden sind mehr oder weniger festgelegt. Sie müssen natürlich auch auf den individuellen Trainingsstand und die Möglichkeiten des Trainees angepasst werden.
In einem Training kommt ein Trainee zu einem Trainer, weil dieser über das Wissen und den Weg verfügt, ein Problem zu lösen oder ein Ziel zu erreichen. Der Trainee ist nicht gefordert, eigene Lösungswege zu erarbeiten.
Zudem gibt es eine Hierarchie zwischen Trainer und Trainee. Der eine hat das Wissen und tritt als Lehrer oder Trainer auf. Der andere – der Trainee – möchte von diesem Wissen profitieren, um weiterzukommen oder sein Ziel zu erreichen. Der Trainer ist der Experte, der Trainee sozusagen der Laie.
Beratung als Zwischenweg
Auch in der Beratung geht es nicht primär darum, dass der zu Beratende eigene Lösungswege entwickeln soll. Der Berater hat – ähnlich wie der Trainer – das Wissen und die Werkzeuge, die der zu Beratende für sein Ziel benötigt.
Trotzdem wird in der Beratung individuell auf die Möglichkeiten und Fähigkeiten des zu Beratenden eingegangen und diese im Lösungsprozess berücksichtigt. Somit ist Beratung eine Art Mittelweg zwischen Coaching und Training.
Wenn Hundetraining plötzlich Coaching heisst
Schauen wir vor diesem Hintergrund auf Angebote in Hundeschulen, welche mit Coaching oder individuellem Coaching ausgeschrieben werden.
Bei den allermeisten geht es darum, dass ein Mensch zu einem Hundetrainer geht, weil er ein Problem weg haben möchte: Mein Hund zieht an der Leine. Mein Hund bellt andere Hunde an. Mein Hund ist aggressiv gegenüber Menschen.
Ich bin ziemlich sicher, dass die meisten Menschen nicht zu einem Hundetrainer gehen, weil sie eigene Lösungsmöglichkeiten entdecken wollen, sondern weil sie gerne eine Lösung präsentiert bekommen möchten.
Oder sie gehen ins BH Training, Dummy Training oder Agility Training – und nicht ins BH Coaching oder Dummy Coaching. Sie wollen mit Hilfe eines Trainers und dessen Wissen ein Trainingsziel erreichen.
Das ist grundsätzlich auch völlig in Ordnung. In diesem Fall tritt der Hundetrainer als Fachperson auf, die ihr Wissen und ihre Erfahrung weitergibt.
Wer coacht hier eigentlich wen?
Nun frage ich mich allerdings ernsthaft: Wie kommen Hundetrainer dazu, ihre Privatlektionen oder Trainings mit Coaching zu bezeichnen?
Verfügen alle diese Hundetrainer über eine Ausbildung im Coachingbereich? Ist es ihnen wirklich ein Anliegen, gemeinsam mit dem Klienten Lösungen zu erarbeiten? Oder werden letztlich doch Lösungen präsentiert?
Werden tatsächlich gemeinsam erreichbare Ziele definiert? Und ist der Hundetrainer gewillt, die Selbstmanagementkompetenzen seines Kunden zu fördern und dessen Selbstwirksamkeit zu stärken? Respektive ist er überhaupt dazu in der Lage?
Mit all diesen Coaching Angeboten wird den Klienten etwas offeriert und suggeriert, das in dieser Form in den meisten Fällen wohl gar nicht stattfinden wird.
Coaching tönt cool. Dann bin ich dabei.
Training hingegen scheint plötzlich out zu sein. Heute wird gecoacht.
Seltsamerweise lese ich aber in kaum einem Angebot, dass es darum geht, den Kunden zu befähigen, seine persönlichen, interpersonellen und handlungsbezogenen Ressourcen zu stärken oder ihn zur Reflexion und Selbstwahrnehmung in Bezug auf das Problem anzuregen.
Mein Fazit
Wer als Hundetrainer oder Hundetrainerin nicht über eine entsprechende Ausbildung im Coaching oder in der Beratung verfügt, sollte sich lieber an die Begrifflichkeit des Hundetrainers halten und sich nicht mit Federn schmücken, die zwar nett aussehen, einem aber trotzdem nicht fliegen lassen.
In diesem Sinne:
«Schuster bleibt bei euren Leisten und überlasst das Coachen den Coaches.»
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