Thalamus - der Türsteher im Gehirn
Ein Türsteher vor dem Club
Sicher hast du auch schon einen Türsteher vor einem Lokal beobachtet. Seine Aufgabe ist es, nach erwünschten und unerwünschten Gästen zu filtern. Er macht eine Vorselektion und lässt nur durch, wer bestimmten Kriterien entspricht. Was dann innerhalb des Lokales oder des Clubs stattfindet, gehört nicht mehr in seinen Zuständigkeitsbereich.
Der Thalamus in unserem Gehirn hat eine ähnliche Aufgabe wie der Türsteher im Club. Er hat eine zentrale Funktion im Zwischenhirn und ist eine der wichtigsten Schaltstellen. Er gewährt Sinnesinformationen Eintritt in das Bewusstsein. Deshalb wird er auch «Tor des Bewusstseins» genannt. Zudem entscheidet er, wie stark wir einen Sinnesreiz wahrnehmen. Ohne diese Filterfunktion wären wir andauernd reizüberflutet und könnten weder fokussieren noch klar denken und handeln.
Somit ist der Thalamus eine Relaisstation, eine Art Reizfilter. Typische Informationen, die über den Thalamus laufen, sind Berührung, Schmerz, Temperatur, Druck, Sehen, Hören, Gleichgewicht und Körperlage.
Im Gegensatz zum Türsteher, welcher gross und imposant daherkommt, ist der Thalamus optisch unscheinbarer, nur etwa so gross wie eine Walnuss. Er ist paarig angelegt und liegt versteckt tief im Gehirn.
Schaltzentrale zwischen Körper und Bewusstsein
Weil der Thalamus so viele Informationen aufnimmt und filtert, hat er eine sehr wichtige Rolle beim Bewusstsein. Er entscheidet über unsere Aufmerksamkeit, unsere Reaktionsfähigkeit und über unsere Wachheit. Man kann also sagen: Er ist eine zentrale Schaltstelle zwischen Körper und Bewusstsein.
Der Thalamus ist eng mit dem limbischen System verknüpft. Zum limbischen System gehören die Amygdala (Angst und emotionale Bewertung), der Hippocampus (Gedächtnis) und der präfrontale Cortex (Entscheidung).
Zusammengefasst bedeutet das: Ein Sinnesreiz trifft auf den Thalamus. Dieser leitet den Reiz an das limbische System weiter. Dort wird der Reiz mit einer Sinneswahrnehmung, einer passenden Emotion und einer Erinnerung verknüpft. Daraus entsteht schliesslich eine Handlung.
Der Thalamus im Hundehirn
Bei unseren Hunden funktioniert der Thalamus im Prinzip gleich wie bei uns.
Stell dir folgende Situation vor: Du bist mit deinem frei laufenden Hund auf einem entspannten Spaziergang. Plötzlich ertönt ein lauter Knall.
Nun gibt es zwei Wege der Reizverarbeitung:
Der schnelle Weg sichert das Überleben
Dein Hund schrickt zusammen und rennt im selben Moment los. Auf dein panisches Rufen reagiert er nicht. Sein Gehirn ist im Notprogramm.
Es hat den direkten Weg Thalamus – Amygdala gewählt, um das Überleben zu sichern. Die Amygdala entscheidet, bevor die Grosshirnrinde mitmischt. Der Körper macht sich bereit: Der Herzschlag steigt, die Muskeln spannen sich an, die Aufmerksamkeit fokussiert sich. Flucht oder Abwehr werden vorbereitet.
Der langsame Weg schenkt Zeit
Neben dieser superschnellen Variante gibt es auch eine langsamere Version. Stell dir folgende Szene vor: Dein Hund liegt gemütlich im Wohnzimmer auf dem Boden. Eine Windböe schlägt die Balkontüre mit einem Knall zu. Der Thalamus schaltet sich ein und leitet den Geräuschreiz an das Grosshirn weiter. Dort wird die Situation analysiert und eingeordnet. Es war nur eine zufallende Türe. Das Angstzentrum, die Amygdala, beruhigt sich wieder. Der Hund legt sich hin und führt sein Nickerchen fort.
Emotionen hinterlassen Spuren
An diesen beiden Beispielen wird ersichtlich, wie zentral die Amygdala für emotionales Lernen ist. Wenn ein Ereignis mit einer starken Emotion verbunden ist, speichert das Gehirn diese Situation sehr schnell ab. Ist dein Hund im Alltag mehr oder weniger entspannt, wird ihn ein solches Ereignis wie der Knall nicht nachhaltig beschäftigen. Hast du hingegen einen Hund mit einem sensiblen Nervensystem, kann es sein, dass er beim nächsten Knall bereits heftiger mit Angst reagiert. Das nennt man Furchtkonditionierung.
Wenn das Nervensystem dauerhaft unter Druck steht
Wenn ein Lebewesen, hier der Hund, oft und nachhaltig solchen beängstigenden und erschreckenden Reizen ausgesetzt ist, verändert sich die Amygdala. Sie wird empfindlicher und reaktiver.
Das führt dazu, dass Reize schneller als gefährlich oder gar lebensbedrohlich interpretiert werden. Die Folge ist eine erhöhte Schreckhaftigkeit. Der Hund reagiert stark auf kleine Reize und steht dadurch häufig unter chronischem Stress.
Gerade bei Hunden aus dem Tierschutz oder bei Hunden aus schlechter Haltung passiert genau das. Wenn der Hund nicht in andere Lebensumstände kommt, in denen sich sein System wieder regulieren kann, entsteht nicht selten eine erlernte Hilflosigkeit. Das sind dann die Hunde, welche sich und ihr Leben aufgegeben haben.
Die gute Nachricht
Die gute Nachricht ist: Das Gehirn kann sich auch durch positive Erfahrungen verändern.
Wenn wir möchten, dass das Nervensystem unseres Hundes stabil wird oder stabil bleibt, braucht es bestimmte Voraussetzungen. Dazu gehört in erster Linie das Schaffen eines sicheren Raumes mit einer möglichst vorhersehbaren Umwelt. Eine Bezugsperson, die verbindlich, kongruent und freundlich ist, damit eine sichere Bindung entstehen kann. Ausreichend Schlaf und Erholungszeit. Und eine ausgewogene Tagesstruktur mit passenden Möglichkeiten, sich zu beschäftigen.
In diesem Sinne:
«In diesem Sinne: Sicherheit und Verlässlichkeit sind die Grundlagen für ein stabiles Nervensystem.»
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