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Die erste Frage impliziert, dass der Hund geformt werden kann wie eine Knetmasse, damit er in die richtige Form passt. Egal, wie eingeengt und gestresst sich der Hund dabei fühlt.

In der zweiten Frage steht das Wohlbefinden des Hundes im Zentrum. Der Mensch verändert das Setting vorübergehend oder längerfristig, damit es dem Hund gut geht.

Die dritte Aussage ist keine Frage mehr sondern besagt, dass der Hund und der Mensch nicht glücklich werden zusammen, weil das Umfeld einfach nicht passt für den Hund, und der Mensch sein Umfeld auch nicht verändern möchte.

Drei unterschiedliche Haltungen
Das sind drei gänzlich unterschiedliche Betrachtungs- und Vorgehensweisen. Man könnte auch sagen: «Drei sehr diverse Haltungen.» Was ist nun richtig und was falsch? Ich denke, die Antwort liegt irgendwo dazwischen.

Rassetypische Veranlagungen und die bisherige Lebenswelt des Hundes spielen eine Rolle
Sicher spielt die Rasse des zukünftigen Familienmitgliedes eine grosse Rolle. Einen Herdenschutzhund in eine Stadtwohnung oder in ein Wohnquartier zu verpflanzen, ist mit Sicherheit nicht die beste aller Ideen, da der Herdi nach einigen Wochen alles als sein Territorium anschaut und sich auch dementsprechend verhält.
Genauso wenig Sinn macht es, einen Bordercollie aus einer Leistungszucht als reinen Familienhund zu halten. Er wird mit hoher Wahrscheinlichkeit die Kinder der Familie hüten oder noch ungünstiger, Velos oder Autos jagen.

Das sind jetzt sicher zwei extremere Beispiele. Dazwischen gibt es die bekannten Grautöne, wie bei allem im Leben. Neben der Rasse spielt auch die Vorgeschichte des Hundes eine wesentliche Rolle beim Einleben in sein neues Zuhause. Bei einem Welpen hat man neben den rassetypischen Anlagen doch noch einiges an Sozialisierungsspielraum. Bei einem etwas älteren Hund aus dem Tierschutz oder auch aus einer Rassezucht – ich rede hier ab einem Alter von 1 bis 2 Jahren aufwärts-, ist die Sozialisierung bereits in festere Bahnen gelenkt.

Der Hund hat wenig bis kein Mitspracherecht, was sein künftiges Leben betrifft
Nicht selten landen dann sowohl Hund wie auch Mensch bei der dritten Aussage: «Keiner der beiden wird glücklich sein.»
Was mich jeweils sehr betroffen macht ist die Tatsache, dass der Hund keinen Entscheidungsspielraum und schon gar kein Mitspracherecht hatte, was sein neues Leben betrifft. Vielleicht war es ihm ja ganz wohl dort, auf der Strasse im Ausland, mit all seinen Hundekumpels. Ich meine hier nicht satt und frei von Gefahren, aber frei im Entscheiden, was er tagsüber so macht, wo und mit wem er abhängt.

Genauso denke ich an all die Rassehunde, welche in der Schweiz und im Ausland öfters erst im Alter von ein oder zwei Jahren verkauft werden. Sei es, weil es zu wenig Interessenten hat, sei es, weil der Hund sich beim Züchter dann doch nicht für seine rassetypisch vorgesehene Aufgabe eignet und der Züchter einen neuen Platz sucht für den betreffenden Hund.

Hunde, die sich nicht für die ihnen zugedachte Aufgabe eignen
Darunter fallen sicher die Hütehunde, welche in der Grundausbildung an den Schafen nicht die nötige Beharrlichkeit zeigen. Dazu gehören auch Lagotti, welche sich nicht so vehement in die Trüffelsuche stürzen wie vom Trüffler (sagt man dem so?) vorgesehen. Sicher gibt es auch den einen oder anderen Schäferhund, der sich im Dienst der Polizei weniger souverän zeigt, als das erforderlich wäre und aus diesem Grund dienstuntauglich ist. Bei diesen Fällen kann auch kein Lebensumfeld passend gemacht werden und der Hund braucht einen neuen Lebensplatz.

Ein Hund ist begrenzt anpassungsfähig, wie der Mensch auch
Was leider immer wieder versucht wird, ist den Hund so anzupassen, um nicht zu sagen: zurechtzustutzen, damit er sich in das Lebensumfeld des Menschen einfügt. Das wäre dann das erste Beispiel: «Passt meine Lebensumwelt zu meinem Hund oder mache ich den Hund passend?»

Der Mittelweg als Lösungsvariante
Aus meiner Sicht gibt es noch eine Haltung dazwischen: «Passt mein Hund aktuell noch nicht in mein Lebensumfeld, passe ich meinen Alltag an und gebe dem Hund die Zeit, die er benötigt, um sich in seiner neuen Welt zurechtzufinden.»
Die Inkonstante «Zeit» ist hier tatsächlich so zu verstehen. Es gibt Hunde, die Wochen bis Monate benötigen, um sich einzuleben. Und es gibt solche, die sich nach wenigen Wochen bereits in ihr neues Leben integriert haben, als hätten sie nie wo anders gelebt.
 
Eine sorgfältige Begleitung des Hundes steht an erster Stelle
Der Hund wird sich mit der Zeit an sein neues Umfeld anpassen, gewöhnen und einleben, wenn er dabei sehr gut begleitet und unterstützt wird. Das bedeutet möglicherweise, dass der Mensch für eine begrenzte Zeit seine eigenen Bedürfnisse etwas zurückstecken muss.

Dein Hund ist nicht die einzige Variable im System
Sehr oft wird vom Hund erwartet, dass er die einzige Variable im System ist. Das wird nie funktionieren!  Du bist für den Hund genauso ein Ueberraschungspaket, wie dein neuer Hund für dich.
Du triffst eine lebensverändernde Entscheidung für ein anderes Lebewesen, indem du genau diesen Hund bei dir aufnimmst. Der Hund hat kein Mitspracherecht. Gib deinem Hund eine reelle Chance, indem Du die kleinen Schritte den grossen Sprüngen vorziehst. Lass deinen Hund in seinem Tempo in seine neue Umgebung hineinwachsen. Erkenne, wann er bereit ist für den nächsten Schritt. Auch wenn das für dich bedeutet, deinen Lebensalltag für eine Weile deinem Hund anzupassen und deine Bedürfnisse hinten an zu stellen.

In diesem Sinne:

«Einleben und Eingewöhnen braucht Zeit, den passenden Ort und eine sorgfältige Begleitung.»